Freitag, 31. Dezember 2010

Hitparade - Die Songs des Jahrzehnts

Am letzten Tag des Jahres gibt es noch mal Listenwahnsinn. Wieder einmal ist eine www.plattentests.de-Aktion Schuld daran. Anfang des Jahres ging es um die Alben des vergangenen Jahrzehnts, heute sind die Songs dran. Auch hier ist es nur eine Momentaufnahme, ein kurzer Augenblick, aber dennoch sind vor allem in den Top 10 Songs vertreten, die mich meistens schon seit Erscheinen in Verzückung, Aufregung oder aber auch den Wahnsinn getrieben haben. Ich wünsche wie immer viel Spaß bei Lektüre und audiovisuellem Genuß und wünsche auf diesem Wege all meinen in diesem Jahr zahlreich gewordenen Lesern einen fulminanten Rutsch ins neue Jahr und viele spannende musikalische Entdeckungen für 2011.

01 Rocky Votolato - Suicide Medicine




02 The Mountain Goats - Up The Wolves



03 Shearwater - Rooks



04 The Decemberists - Eli, The Barrowboy



05 Vic Chesnutt - Coward



06 Morrissey - First Of The Gang To Die



07 Arcade Fire - Intervention



08 Patrick Wolf - The Libertine



09 Morrissey - Irish Blood, English Heart



10 DeVotchKa - How It Ends




11 Ed Harcourt - Rain On The Pretty Ones
12 David Ford - Go To Hell
13 The Decemberists - The Infanta
14 The White Stripes - Hotel Yorba
15 Anywhen - The Siren Songs
16 The White Stripes - Little Ghost
17 Mumford & Sons - White Blank Page
18 Arcade Fire - Neighborhood #3 (Power Out)
19 Björk - Hidden Place
20 Rocky Votolato - Automatic Rifle
21 DM Stith - Fire Of Birds
22 Nick Cave & The Bad Seeds - Fifteen Feet Of Pure White Snow
23 Seth Lakeman - Lady Of The Sea
24 The Decemberists - The Mariner's Revenge Song
25 The Mountain Goats - Maybe Sprout Wings
26 Patrick Wolf - The Childcatcher
27 Teitur - The Singer
28 A Whisper In The Noise - Havoc
29 The Decemberists - We Both Go Down Together
30 The Divine Comedy - A Lady Of A Certain Age
31 Patrick Wolf - Damaris
32 Tom McCrae - Bright Lights
33 The Veils - Under The Folding Branches
34 Jens Lekman - Friday Night At The Drive-In-Bingo
35 Johnny Cash - Hurt
36 Chris Bathgate - Serpentine
37 The Decemberists - The Chimbley Sweep
38 James - White Boy
39 Pascal Finkenauer - Unter Grund
40 Joanna Newsom - Emily
41 Bon Iver - Flume
42 Phillip Boa & The Voodooclub - Punch & Judy Club
43 Morrissey - Don't Make Fun Of Daddy's Voice
44 Jacob Golden - Out Come The Wolves
45 The National - Start A War
46 Fleet Foxes - Oliver James
47 Arcade Fire - Rebellion Lies
48 Kettcar - Balu
49 The Dresden Dolls - Sing
50 The Felice Brothers - Frankies Gun!
51 The National - Fake Empire
52 Tocotronic - Explosion
53 Einstürzende Neubauten - Nagorny Karabach
54 The Killers - Andy, You're A Star
55 The Mountain Goats - Moon Over Goldsboro
56 The New Pornographers - Entering White Cecilia
57 Portishead - Machine Gun
58 Shearwater - The Snow Leopard
59 Raphael - Caravane
60 The Decemberists - We Both Go Down Together
61 Silver Jews - Aloysius, Bluegrass Drummer
62 The White Stripes - Fell In Love With A Girl
63 Sufjan Stevens - Chicago
64 Vampire Weekend - Oxford Comma
65 Sons & Daughters - Gilt Complex
66 Bill Callahan - Rococo Zephyr
67 Klez.E - Madonna
68 My Morning Jacket - Gideon
69 Nick Cave & The Bad Seeds - As I Sat Sadly By Her Side
70 James - Hey Ma
71 The Hidden Cameras - Mississauga Goddamn
72 Einstürzende Neubauten - Sabrina
73 The Divine Comedy - The Happy Goth
74 Pulp - The Night That Minnie Timperley Died
75 Editors - All Sparks
76 Interpol - Evil
77 Sufjan Stevens - Decatur
78 Björk - Mouth's Cradle
79 I Am Kloot - No Fear Of Falling
80 Damien Rice - The Blower's Daughter
81 The Decemberists - July, July
82 The Knife - Marble House
83 Johnny Cash - I See A Darkness
84 Morrissey - That's How People Grow Up
85 Björk - Oceania
86 Teitur - Sleeping With The Lights On
87 Phillip Boa & The Voodooclub - Burn All The Flags
88 Among The Oak & Ash - Hiram Hubbard
89 Zac Brown Band - Toes
90 The White Stripes - Conquest
91 Damien Rice - Delicate
92 Seachange - Anti-Story
93 Patrick Wolf - Bluebells
94 Beirut - Elephant Gun
95 Goldfrapp - Utopia
96 Morphine - The Night
97 The Mountain Goats - Dance Music
98 The View - The Don
99 Architecture In Helsinki - The Cemetary
100 Black Box Recorder - British Racing Green

Puh, 100 sind 'ne Menge aber eingentlich auch wieder nicht, wenn man bedenkt, was ich eigentlich noch alles so hinzufügen hätte können. So sehen sie jedenfalls aus, die meiner Meinung nach besten Songs im Zeitraum vom 1.1.2000 bis zum 31.12.2009.

Mittwoch, 22. Dezember 2010

Hitparade - Und sonst?

Man mag es kaum für möglich halten, doch neben den vielen bereits in den einzelnen Kurzrezensionen und Vorstellungen erwähnten Künstlern hat sich der Bänkelsänger auch teils abseits der gewohnten Folkpfade umgehört. Klar hätten jetzt hier auch die in vielerlei Publikationen meist zurecht hochgelobten "neuen" Elektronik-, (Post)-Dubstep und Bedroom-Pop/Rock oder Glo-Fi (tolle neue Schublade) stattfinden können, ich finde allerdings, dass es noch ein paar andere spannende Publikationen wert wären, eine Rolle zu spielen. Und so sind hier 33 Alben des vergangenen Jahres versammelt, die vor allem eins gemeinsam haben: sie sind schon richtig toll.
Klar sind auch hier wieder die Folker und Songwriter im Vordergrund, so hat mich zum Beispiel die verquere Stimmfarbe Nathaniel Rateliffs schon sehr verzaubert uind auch das an konventionellen Brit-Folk angelehnte "Lucy And The Wolves" von Martha Tilston ist sehr unterhaltsam und abwechslungsreich. Eher klassisch kommt dann der Prince Of Assyria daher, ähnlich den luftig-lockeren Arragements von The Mountains & The Trees, die jedoch auch mit Melancholie punkten können. Das wäre dann das Stichwort für Lucas Renney und den unter dem Bandnamen "Villagers" auftretenden Conor J. O'Brien. Ebenso berüherend, wenn doch näher am amerikanischen Folk sind die Vatican Cellars und die wunderbare Karen Elson, bei deren Debut man schon das ein oder andere Mal die Handschrift des Gatten Jack White erkennt. Bei Frauenstimmen fällt mir dann wiederum Kyrie Kristmanson ein, ihre Varianten jazziger und chansonesker Songwriterkunst haben mich gerade in den letzten Wochen das ein oder andere Mal verzückt. Neben diesen doch eher folkorientierten Alben dürfen aber auch weitere Spielarten wie zum Beispiel Bluegrass und den damit hier vertretenen Trampled By Turtles nicht vergessen werden. Psychedelischer wird's mit den Ganglians, intimer und verstiegener mit Julian Lynch und seinem sonderbaren "Mare". Etwas aus deutschen Landen gefällig? The Green Apple Sea bieten hier mit Northern Sky, Southern Sky fabelhafte Abhilfe. Traditionelle Klassiker und aufregende Coverversionen: fragen sie mal bei Tom Brosseau und Angela Correa von Les Shelleys nach. Straubtrockener Outlaw-Country mit Mumford & Sons-Appeal wird hingegen von Danny & The Champions Of The World zum Besten gegeben, wer den klassischen Singer/Songwriter mit Bodenhaftung bevorzugt, greife zu Philip Selways Solodebut "Familial". Ätherischer Bluesfolk wäre dann noch Angelegenheit von Will Stratton, eine jazzig-cabareteske Variation bieten Paul Wallfisch und seine Band Botanica. Ach so, eine Harmonie- und A Capella-Variante fehlt noch: I Am Oak hatte da 2010 was in petto.
Ob das jetzt streng genommen alles Folk oder Folkverwandetes ist, mag dahin gestellt sein, sicher ist nur: die Künstler und ihre aktuellen Alben sind allesamt mehr als empfehlenswert.
Verlassen wir aber nun die heimischen Gefilde und sehen uns noch ein wenig im Grenzgebiet um: Auch hier hat sich 2010 ein heerer Reigen in mein Herz gespielt, Newcomer, alte Hasen und Wiedergänger inklusive.
Zu Beginn empfehle ich das mir sicherlich nicht zwingend zugetraute aktuelle Agalloch-Album (welches ich weiland mit respektablen 80% bei AUFTOUREN bewertet habe). Dann die artverwandeten, jedoch mehr dem flächigen und shoegazernderen Metal zugeneigten Les Discrets, die meine eigentlichen Lieblineg auf diesem Gebiet um Längen geschlagen haben. Wive muss ich auch noch erwähnen, schließlich sind die ja quasi die "A Whisper In The Noise"-Nachfolgeband. Bleiben wir bei eher instrumentalen Auswüchsen muss auch noch auf das junge "Baths" betitelte Projekt Will Wiesenfelds hingewiesen werden, dass unter den vielen guten elektronischen Veröffentlichungen meiner Meinung nach erheblich herausragt. Nehmen wir hier noch die Berlinerin Zazie von einem anderen Stern und ihre watteweich ausgekleideten Fieldrecordings, die breit und verwaschen klingenden Altar Eagle vom erstklassigen Type-Label (bei denen ich auich schon den fabelhaften Richard Skelton entdeckt habe) und die Freak-Folker von Kyu hinzu, hat man einen herrlich spinnerten Rahmen, der sich sicherlich auch als Mixtape für den Lazy Sunday eignet. Und den man dann mit einem Glas Rotwein und den seidigen Klängen Peter Brodericks ausklingen lassen kann. Zum Schluß dann noch ein wenig Pop!?! Allerdings nicht ganz der konventionellen Machart: Syd Matters variiert munter Folk- und Pop-Versatzstücke zu einem opulenten Kunstwerk, Jonas Johnson und sein Projekt Bedroom Eyes stehen ihm da in nichts nach. Perfume Genius wiederum geht die Pop-Sache spleeniger und spröder aber nicht minder fazinierend an, und an der Opulenz und Verve eines Rufus Wainwright mag man ja nun wirklich zu keiner Zeit zweifeln.
Beschließen wir den Reigen nun mit Tu Fawning, dessen Debut in weiten Teilen der Welt bereits veröffentlicht ist, der deutsche VÖ-Termin jedoch mit dem 7.1. 2011 auch Gott sei Dank nicht mehr weit entfernt ist. Ich sag mal nur: Gospel-Folk-Pop-Bedroom-Rock-Irgendwas mit solcher Eleganz uzd Wärme, das das draußen langsam einsetzende Tauwetter mit Sicherheit nicht von ungefähr kommt.







 

Dienstag, 21. Dezember 2010

Hitparade - Die Songs des Jahres

Gestern waren die Longplayer dran, heute sind es die Songs, die dem Bänkelsänger im vergangenen Jahr am meisten Freude bereitet haben. Auch hier gilt natürlich die Devise: es können nicht alle mit! Interessant ist allemal, das es zwei deutschsprachige Pretiosen in die Top3 geschafft haben und in eben dieser Top 3 mit Jamie Woon ein Künstler vertreten ist, dessen Album wohl eine der größten Hoffnungen für 2011 ist. Ich wünsche wiederum viel Spaß mit der Lektüre und natürlich ebenso viel Freude beim gleichzeitigen Hörgenuß:

1. Gisbert Zu Knyphausen - Kräne



2. Jamie Woon - Night Air



3. Hans Unstern - Paris



4. Sam Amidon - How Come That Blood



 5. Joanna Newsom - Good Intentions Paving Co.



6. Shearwater - Castaways
7. Marc Almond - Nijinsky Heart
8. Nina Nastasia - This Familiar Way
9. Lost In The Trees - Walk Around The Lake
10. Niall Connolly - America
11. Anna Calvi - Jezebel
12. Tocotronic - Die Folter Endet Nie
13. Josh Ritter - Folk Bloodbath
14. Stornoway - Zorbing
15. Ed Harcourt - When The Lost Don't Want To Be Found
16. Dylan Leblanc - 5th Avenue Bar
17. Xiu Xiu - Dear God, I Hate Myself
18. Zola Jesus - Night
19. Man's Gin - Hate.Money.Love.Women
20. The New Puritans - We Want War

Montag, 20. Dezember 2010

Hitparade - Die Alben des Jahres


4 Tage vor Weihnachten darf man Rückschau auf 2010 halten und stellt fest, dass sich seit dem letzten Quartal bezüglich der besten Alben des Jahres nicht mehr allzuviel getan hat. Wie letztes Jahr auch am 20.12. gibt's nun die Top 30 in herrlich komprimierter Listenform, geschmackssicher zusammengestellt und hoffentlich auch anregend für die geneigte Leserschar. Ach, und wer meint, extakt die gleiche Liste schon mal irgendwo gesehen zu haben, der hat bestimmt schon bei den heute den AUFTOUREN'schen Listenwahn beschließenden Einzellisten geschaut.

Wohlan:

01 Sam Amidon – I See The Sign

Das wohl interessanteste, Nostalgie und Moderne verknüpfende Folkalbum des Jahres


02 Josh Ritter – So Runs The World Away

Der grosse Americana-Bilderbogen

03 Anais Mitchell – Hadestown

Die schönste und mitreißendste Folkoper seit "Ys"

04 Joanna Newsom – Have One On Me

Harfe hin oder her, 18 vorzüglich intonierte musikalische Leckerbissen

05 Nina Nastasia – Outlaster

Zartbitter wie feinste Edelschokolade

06 Shearwater – The Golden Archipelago

Meiburg auf Vogelschau, verblüffend opulentes Folkrock-Werk

07 Mark Growden – Saint Judas

Prog-Folk, für den Tom Waits-Moment 2010

08 Marc Almond – Varieté

Rauf auf die Bühnen der Welt: barocker und ausschweifender war 2010 kaum ein Album

09 Hans Unstern – Kratz Dich Raus

Einmal noch: kauziger geht's nicht, dennoch das beste deutschsprachige "Debut" seit Ewigkeiten

10 Arcade Fire – The Suburbs

Die können's immer noch, Win und Regine im Folk-Pop-Wunderland in Technicolor


Nicht zu vergessen, die folgenden auch noch mehr als herausragenden Alben:

11 Gisbert Zu Knyphausen – Hurra! Hurra! So Nicht
12 Erland & The Carnival – Erland & The Carnival
13 Niall Conolly – Brother, The Fight Is Fixed
14 C.W. Stoneking – Jungle Blues
15 Lone Wolf – The Devil & I
16 Tocotronic – Schall & Wahn
17 The National – High Violet
18 Wildbirds & Peacedrums – Rivers
19 John Grant – Queen Of Denmark
20 David Karsten Daniels & Fighting The Big Bull – I Mean To Live Here Still
21 Wovenhand – The Threshingfloor
22 Owen Pallett – Heartland
23 Xiu Xiu – Dear God, I Hate Myself
24 Alasdair Roberts – Too Long In This Condition
25 Strand Of Oaks – Pope Killdragon
26 Skywatchers – The Skywatchers Handbook
27 Dylan LeBlanc – Paupers Field
28 The Gilded Palace of Sin – You Break Our Hearts, We’ll Tear Yours Out
29 Horse Feathers – Thistled Spring
30 These New Puritans – Hidden

Mittwoch, 15. Dezember 2010

Eleanor Murray



Westwärts...

Olympia im Staate Washington, also ganz im Westen der Vereinigten Staaten der USA.
Eine mittelgroße Stadt, die so gar nichts mit den Rekordejagden der Weltjugendspiele am Hut hat, vielmehr irgendwie idyllisch von Bergen gesäumt vor sich hin träumt.
Irgendwo hier muss sich Eleanor Murray eines Tages gedacht haben: Ich möchte Folk-Sängerin werden. Gut so! Mit ihren Mitmusikern Pam Margon, Austin Cooper, Ben Kamen und Jon Cappioca ist ihr das nämlich ganz vorzüglich gelungen.
Anders als die größeren Namen in dieser uramerikanischen Traditionsschublade findet Murray ihre Wurzeln aber nicht bei klassisch-konventionellen Liedwerten, vielmehr lässt sie ihre Ideen selbst wie in Einmachgläsern konservieren und schafft es so, trotz vieler unterschiedlicher Ansätze ein prallgefülltes, aber dennoch abwechslungsreiches Vorratsregal anzulegen. Sicher, manche dieser eingelegten Leckereien ist schon eifrig süß, was aber nicht zuletzt an der fein ziselierten Stimme Murrays liegt.
Die Zutaten sind breit gefächert, hier schnarrt eine Geige, da trabt ein wenig Schlagwerk, ein wenig Country-Atmosphäre wie im letzten "When A Heart Becomes A Heart" betitelten Stück darf auch nicht fehlen. Es ist aber vielmehr die Originalität der fertigen Gaben, die sich leuchtend vor dem Hintergrund abheben. So wie wenn in "Come Alive" ein Windspiel im Gleichklang mit der pendelnden Gitarre zum Zwiegesang auftritt, "Scream" sogar ein wenig ruppig und scharfzüngig daher kommt und das ätherische "Trails Of A Star" Ruhe und Kontemplation verheißt.
Irgendwie erinnert Miss Murray ein wenig an die manchmal auch ein wenig überambitioniert scheinenden Musiker von Chapeau Claque, wenngleich der Vergleich schon aufgrund der weit verschachtelteren Texte der Erfurter hinkt und die Amerikanerin nun doch nicht so viel Pop-Appeal verspricht.
"Oh Thunder" ist reichhaltig geworden, wenn auch nicht üppig. Ein wenig wie ein geschmackssicherer Käseteller, den man unter der Glasglocke betrachtet und sich vor lauter Auswahl gar nicht entscheiden kann. Greift man jedoch hier zu, hat man mit Sicherheit einen Leckerbissen erwischt.

Guten Appetit!

Samstag, 11. Dezember 2010

Richard Skelton



Durch Feld und Flur.

Es ist schön, wenn man sich musikalisch überraschen lassen kann. Manch einer weiß, dass der Bänkelsänger sich auch abseits des hauseigenen Blogs schreiberisch betätigt, und hat bei den unterschiedlichen Querverweisen hier auch entdeckt, dass die große Jahresabstimmung der Redaktion von AUFTOUREN, das Jahr in Tönen gerade erfolgt ist, zu dem auch die Rubrik "Geheime Beute" gehört.
...und in dieser "Geheimen Beute" ist der Bänkelsänger fündig geworden.
Richard Skelton heißt der Mann, der sich mit ausufernder Strahlkraft auf "Landings" in des Bänkelsängers' Herz musiziert und wandert doch ziemlich abseits der sonst so heiß geliebten Folkwege.
Man mag es Avant-Folk, Ambient oder Modern Classical nennen können. Man könnte auch Schubladen wie Dream Drone, Contemporary Field Recordings oder instrumentale Natur-Avantgarde nennen, sicher ist nur: was er da mit bearbeiteten Streichern, den eben erwähnten Field Recordings und so manch weiterer (elektronischer) Spielerei bewerkstelligt, ist eigentlich gar keiner musikalischen Einordnung notwendig.
So werden eifrig ausgelegte Spuren gleich wieder verwischt und beginnen sich direkt wieder neu auszubreiten. Plätscherndes Wasser umspielt die wie auf tropfnassem Moos gebetten Töne, denen immer eine gewisse Unruhe anzumerken ist. "Of The Last Generation" verschiebt hierzu verschiedene mit Naturmaterialien bearbeitete Streichinstrumente immer wieder voneinanderweg und wirkt wie die geordnete Unruhe eines Ameisenhaufens. "Scar Tissue" und "Threads Across The River" laden zur beschaulich-schaurigen Reise in den Düsterwald.
Gesang gibt es keinen auf "Landings" und doch wirken die vielen, über mehrere Jahre gesammmelten Aufnahmen wie Chöre aus Wald und Feld, ein sanftes, waberndes Summen und Brummen, ein Aufbäumen der Natur, bei der es nicht leicht wird, sich nicht als Eindringling zu fühlen. Skelton ist mit "Landings" Erfinder und Entdecker zu gleich, schafft er es doch sowohl einen eigenen grünen Dom zu errichten, der sich organisch aus Dickicht und Ebene erhebt, und sich doch klanglich in die erlebte Landschaft einfindet.
...es ist sicherlich ein Expriment, sich auf Skeltons "Landings" einzulassen, dessen Strukturen sich nur mit Geduld unter Steinen, Laub und Geäst finden, aber allein der Versuch kann süchtig machen.

Ein Aufmerker:
 

Dienstag, 7. Dezember 2010

My monthly Mixtape: Dezember



Glätte und Rutschgefahr haben das monatliche Mixtape im Dezember ein wenig aufgehalten, gepaart mit leicht virulenten Umständen, aber jetzt ist alles unter Dach und Fach und es kann wieder gelauscht werden. Das letzte offizielle Mixtape des Jahres hält einige spannende Hoffnungen für 2011 bereit, aber auch Künstler mit einem gewissen Bekanntheitsgrad dürfen nicht fehlen. Von energischem Vaudeville-Pop zu flirrenden Songwritersperenzchen, progressiv-gewaltigem Folkgewusel und natürlich! dem ein oder anderen Weihnachtsliedlein ist ein ganzes Potpourri von schönen und höchst hörbaren Stückchen vertreten.
Man höre und genieße:

01. Anna Calvi - Jezebel
02. Jamie Woon - Night Air
03. C.W. Stoneking - Jungle Blues
04. Guro Von Germeten - Bitter
05. Man's Gin - Hate.Money.Love.Woman
06. The Decemberists - Down By The Water
07. Les Shelleys - Rum And Coca-Cola
08. Kyrie Kristmanson - Birdsong
09. Emily Jane White - Requiem Waltz
10. Kele Goodwin - Free
11. The Vatican Cellars - The Wreck Of Alba
12. Matthew Friedberger - Shirley
13. Destroyer - Chinatown
14. Fern Knight - From Zero To Infinity
15. El Boy Die - Moona Luna Tears
16. Secret Mountains - Rejoice
17. Malachai - Rainbows
18. Sufjan Stevens - That Was The Worst Christmas Ever!
19. Annie Lennox - God Rest Ye Merry Gentlemen

Kele Goodwin darf dieses Mal das auserwählte Hörstück zum Besten geben:




...demnächst selbstversändlich auch wieder beim "Radio der von Neil Young Getöteten"

Sonntag, 5. Dezember 2010

Guro von Germeten

Eine Norwegerin mit rotem Akkordeon wandelt auf Waitsschen Spuren.

Zirkus, Zirkus, Zirkus. Vorhang auf, Manege frei, hier kommt Guro von Germeten. Ihr blankpoliertes Instrument im Anschlag läuft sie federnden Schrittes in die Mitte der Arena, blickt nach rechts und links und beginnt zu singen. Begleitet von einer singenden Säge wird "Accordion Night" angestimmt, Opener und Motto ihres englischsprachigen Debuts "Bad Dreams And Good Nightmares". Doch nicht nur der schneidende Klang der Säge und das Auf und Ab des Akkordeons verzückt mit wunderbar nostalgisch angehauchten Klängen, auch die Künstlerin wandelt sich von der hell strahlenden Zirkusfee zur geheimnisvollen Nachtgestalt.
"Bitter" ist zum Beispiel gar nicht mehr so leichtfüßig, sondern sehnsüchtelt eher vor sich hin, nicht ohne Schwung, aber schon mit ruhigerem, bestimmten Duktus, hier begleitet stakkatoartiger Schreibmaschinenanschlag die nebulöse Szenerie. Von Gurmeten wechselt auf ihrem Album Stimmungen im Minutentakt und bleibt ihrem Sujet zwischen Zirkus und Rummelplatz, Panoptikum und Varieté doch immer treu. Sie lässt Seemänner auf die Bühne, sehnt sich nach einem Spinnenmann, lädt zur lebensfrohen Tarantella und tanzt auf einer ausgelassenen jüdischen Hochzeit.
Tänzelnde Melodien sind die roten Fäden die "Bad Dreams And Good Nightmares" durchziehen, ob Walzer oder eben Tarantella, ob Zirkuspolka oder Fox, die Bandbreite ist auch hier unwahrscheinlich groß und doch wirkt das Album, vor allem auch wegen seiner wohlfeil gewählten Instrumentierung wie aus einem Guß. Natürlich steht auch hier das Akkordeon in allen Titeln an exponierter Stelle, dennoch ist es häufig genug auch nur schelmischer Begleiter, wie im von Kirmesorgeln eingeleiteten "Polka Dot Dress For You". Ob Spieluhr, Regentropfen, Streichercapricen, Percussion aus aller Herren Länder oder ein schlichtes Piano, Guro von Germeten zieht alle Register, und nicht nur an den eben erwähnten Orgeln.
Manchmal wird "Bad Dreams And Good Nightmares" vielleicht ein wenig zu sehr Schaustück, vor allem weil man selbst nach mehreren Hördurchgängen noch längst nicht all diese feinen kleinen Kabinettstückchen wahrgenommen hat, und doch fühlt man sich immer wieder schnell in die einzelnen kleinen Episoden hineingezogen.
Es sind eher die drolligen Einfälle wie bei einm geglückten Zaubertrick, denn die akribische Eleganz einer Seiltänzerin die das Album in jedem Moment unvorhersehbar machen, und dass lässt auf eine immer wieder herrlich ausstaffierte Vorstellung hoffen.

Leider gibt es nur einige wenige Live-Mitschnitte, aber die Myspace-Seite und auch die oben angegebene Homepage haben so einige Kunststückchen vorbereitet:

 

Sonntag, 28. November 2010

Fern Knight

In und aus dunklen Kammern.

Es bedarf keiner prophetischen Weitsicht, um sich die Themen und Stimmungen, die Fern Knight auf ihrem vierten Album "Castings" präsentieren, vorstellen zu können. Spinnwebendurchzogene, verwobene Folkarrangements, die an psychedelische Kunstwerke aus den 60er und 70er Jahren erinnern. Vielfältig mit Streichern, Bläsern, Harfen und sontigem Instrumentarium angereichert. Volkstümlich, sagenhaft, wildromatisch: allein Margie Wienk setzt ihre Stimme wie eine Loreley ein, ständig bereit den nächsten wackeren Seemann zu ködern, voll von seltsamer Betörung und doch glasklarer Prägnanz.
Fern Knight sind auf "Castings" allerdings auch so progressiv wie nie. Das Wechselspiel kunstvoller Instrumentalpassagen und abenteuerlichen Erzählungen aus länngst vergangenen Tagen ist fein ausgefeilt. Das komplett ohne Worte auskommende "Cave Of Swords" wird so erzählerisch, das man sich sehr schnell in den Geschichten verliert und fast schon erstaunt wahrnimmt, dass ein nächster Song mit noch mehr Wagemut oder Feinsinnigkeit vorgetragen wird. Man merkt "Castings" auch an, dass hier noch stärker als bei den früheren Werken Bezug zu den progressiven Folkbands der 70er Jahre gesucht wurde. Das lautmalerische "Eye Of The Queen" erinnert wie nichts zweites an Sandy Denny oder die Incredible String Band, der stürmische Anfang "From Zero To Infinity" lässt Pentangle wiederauferstehen und "Epitaph" steht als King Crimson-Cover sowieso als Paradebeispiel parat.
Es ist Mischung aus so vielen Versatzstücken, die "Castings" zu einer Reise in die Vergangenheit werden lässt, auf die man sich gerne begibt. Mit jedem neuen Takt lässt sich ein weiteres spannendes musikalisches Element entdecken, ob mittelalterlich anmutende Blechbläser, versonnene Gitarrenpickings wie aus einem halluzinierten Tagtraum oder barocke Sangesfreude.

Ein Stückchen Restsonne für den Winter, auch wenn's thematisch durchaus dunkel wird:

Mittwoch, 24. November 2010

Jamie Woon

Was für ein wunderbares Video.
Ein Nachtspaziergang in herrlichen grau-blau-grünen Schattierungen, ein hypnotischer Beat und eine Stimme mit jeder Menge Schmelz: Jamie Woon bringt die Nacht zum Klingen und stimmt ähnlich wie Anna Calvi im letzten Monat bereits vortrefflich auf 2011 ein. Auch hier gilt: wird das Album nur halb so gut, wie dieses fabelhafte Video und die so ungeheuer einnehmenden Sounds, dann hätten wir schon 2 Newcomer, die im nächsten Jahr ganz oben mitspielen.

Sonntag, 21. November 2010

Hits von gestern: Marianne Faithfull - The Ballad Of Lucy Jordan

Fundgrubenzeit: wieder mal entpuppte sich die Chartshow auf RTL als Erinnerungshilfe. So richtig kennengelernt habe ich die traurige Ballade aber interessanterweise über Reinhard Mey, der es auf irgendeiner seiner Luve-Aufnahmen zumindest mal erwähnt, wenn nicht gar zitiert oder gecovert hat (Hilfestellung erwünscht).
Jetzt lassen wir aber mal die gute Marianne zu Wort kommen:

Freitag, 19. November 2010

Man's Gin




Ein Schlückchen in Ehren darf niemand verwehren.

Schon gar nicht, wenn es sich bei dem Schlückchen um ein sehr eigenwilliges Gebräu namens Man's Gin handelt und mindestens so hochprozentig wie das namensgebende Wacholderdestillat ist.
Die Männer hinter Man's Gin heißen Erik Wunder, Josh Lozano und Scott Edward und vor allem Wunder hat eine eher deftigere musikalische Vergangenheit, kommt er doch von den Black Metallern von Cobalt. Mag sein, dass deren letztes Album "Gin" bei der Namensgebung keine ganz unentscheidende Rolle gespielt hat.
Doch nun zum Debut "Smiling Dogs". Kein Metal, kein Geschrei, keine Verkleidung sondern purer ehrlicher und glasklarer Americana, gewürzt mit einem Hauch Gothic Country. Songs wie "Free" oder auch "Solid Gold Telephone" sind darauf zu hören, einfache, mit nöliger Stimme vorgetragene Alltagsbeschreibungen, die sich allerdings auch gerne mal in simplen, aber doch ausufernden Instrumentalpassagen verlieren dürfen. Vor allem bei letzterem punkten das herrlich akzentuierte Piano und durchaus kraftvollen gemischten Vocals. Das zweigeteilte "Nuclear Ambition" ist da von eher nüchterner Sorte. Verschleppte, staubtrockene Gitarrenklänge leiten den ersten, sehr amerikanischen Part ein, manch einer mag sich an den staubigen Roots- und Grunge-Rock Alice in Chains erinnert fühlen. Der zweite Part nimmt die begleitende Melodie auf, lädt aber zügig ein Chello zum Stelldichein ein, es wird aus voller Kehle gesungen und plötzlich mag man sich eher einen hübschen Bourbon denn den namensgebenen Seelenwärmer hinter die Binde kippen.
Es ist das leicht unheilschwangere, benebelte was "Smiling Dogs" strändig begleitet. Natürlich darf hier auch die klassische Ballade nicht fehlen, deren Platz hier von "The Death Of Jimmy Sturgis" eingenommen wird und bei der Erik Wunder dem stimmlich artverwandeten Eddie Vedder gar zu nah kommt. "Hate.Money.Love.Woman." ist dann wieder beste Americana-Tradition, 3 Mann ans Lagefeuer und los gehts. Den Chorus kann man nach 2mal hören mitsingen, geschunkelt wird sowieso und wenn das Feuer runtergebrannt ist und das Feuerwasser nur noch sanft in der Kehle brennt, darf dann auch beherzt geflucht werden: "Doggamn"
Der heimliche Hit verbirgt sich übrigens reichlich am Anfang von "Smiling Dogs": "Stone On My Head" ist geradezu prädestiniert, das Aushängeschild von Man's Gin zu werden: galoppierend wie ein junger Mustang und wärmend wie die gleißende Wüstensonne.

Der Soundtrack für einen ungeschriebenen Western:

Dienstag, 16. November 2010

Emily Jane White



Bittersüßer Nachtschatten.

Emily Jane White hat noch nie das kleine, bezaubernde Folkmädchen gegeben. Schon die ersten beiden Alben "Dark Undercoat" und "Victorian American" waren von solch tiefer Schwärze, dass einem angst und bange werden konnte.
"Ode To Sentience" macht da keine Ausnahme. Zehn Songs in stimmungsvollem Schwarz gehalten, die mal mehr mal weniger zurückhaltend zwischen innerem Monolog und kraftvollem Seelenstriptease hin und her changieren. Im Opener "Oh Katherine" sorgen schmeichelnde Streicher noch für einen Hauch von friedvoller Idylle, beim folgenden "The Cliff" werden schon andere Saiten aufgezogen und das im wahrsten Sinne des Wortes. Der für White eher untypisch kraftvoll, von rythmisierenden Gitarren gestaltete Song birgt textlich Abgründe, wird hier doch weniger der landschaftliche Aspekt, sondern eher der gezielte Sprung nach unten erwogen.
Ähnlich wie bereits früher im Jahr Nina Nastasia auf ihrem wunderbaren Album "Outlaster" gelingt White ein Spagat zwischen Düsterromantik und verklärtem Realismus, der jedoch weniger kratzbürstig daherkommt.
"Black Silk" mit seiner nervösen Gitarrenbegleitung und dem fast stoischen, unbeeindruckten Gesang breitet sich wie ein Teppich aus, sanft schimmernd, in weichen Wellen geschlagen. Noch behutsamer, wenn auch wieder wehmütiger pendelt "The Dark Oak" im 6/8-Takt daher, Walzer und seien sie noch so verstörend und unnahbar, scheinen ein großes Thema für die diesjährige Folkmode zu sein. "I Lay To Rest" fängt dann kurzweilig, fast wie Joanna Newsoms "Good Intention Paving Co." an, wiederum schwingen pendelnde Töne, streiten mit einschneidenden Streichern um die Vorherrschaft, bis dann dann das Klavier das Szepter ergreift und allem eine surreale Atmosphäre einhaucht.
Man mag Emily Jane White sicherlich ein gewisses Mal an Kalkül, vielleicht sogar Berechnung unterstellen, schließlich wandert "Ode To Sentience" nahezu über die gesamte Länge eher durch als über das Nebelmeer, ein wenig mehr einfallende Sonnenstrahlen, wie im Schlußteil zu "Clipped Wings", dürften es dann schon sein.
Während "The Preacher" und "The Law" fast schon eine Spur konventionell erscheinen, lässt es White in "Requiem Waltz" und "Broken Words" noch mal richtig krachen, zumindest immer im Rahmen ihrer Möglichkeiten. Der namensgebenden Totenmesse gleich, oszilliert der Walzer zwischen Trost und Traurigkeit, bändelt mit osteuropäischer Folklore an, entschwebt aber dann doch in die Sphären des Überirdischen, nicht zuletzt weil White ihrer Stimme ansprechendes Feuer verleiht.
"Broken Words" wiederum erweist der Steel Guitar Referenz, lässt die aufgekommene Traurigkeit zumindest ein Stück hinter sich und fühlt sich dann doch eher verwurzelt als losgelöst an.

Dicht, dämmrig, durchdrungen, aber ein paar helle Strahlen kommen durch.

Samstag, 13. November 2010

El Boy Die



Folk oder nicht Folk, das ist hier die Frage.

El Boy Die sind seltsam. Seltsam zuallererst da es heißen muss: El Boy Die ist seltsam. Ein inkognito musizierender Irgendwer aus Frankreich schart für ein Album, welches im Grenzland von von A Whisper In The Noise, Bodies Of Water und Matt Elliott wildert, zahlreiche, meist frankophile Musiker (unter anderem Herman Dune) um sich und ergötzt sich an deren Klangvielfalt.
Da ist zum einen das mit kindlicher Stimme einladende Intro "This Is The Sound", knapp 50 Sekunden lang, die aber schnell den Charakter des Albums "The Black Hawk Ladies & Tambourines" umreißen. Weite, mit charismatischer Geige begleitete Songstrukturen, wie im stark an die ruhigen Momente von A Whisper In The Noise erinnernden "Moona Luna Tears" pendeln fast schwerelos durch den Raum. Ein wenig Gitarrengeplänkel in Zusammenarbeit mit seltsam kreiselnden Wellengeräuschen leitet dann wiederum "Journey Of A Lame Deer" ein, welches genauso klingt wie es heißt, leicht hinkend, ein Bein nachziehend und dennoch unermüdlich nach vorne strebend. Spätestens wenn im zweiten Teil des Songs ein kraftvoller Chor einstimmt, wird dann auch der Bezug zu den famosen "Bodies Of Water" klar. Wenn auch hier weniger mit offensichtlichem Pop-Struktur schaukeln sich dennoch verschiedene Stimmfarben zu bunten Naturgeräuschen in den offenen Himmel. Dieses Stimmengewirr bleibt dann auch ständiger Begleiter. "Under My Broken Tree" ist hier keine Ausnahme, wenn auch offensichtlich der "Hit" des Albums. Handclaps und Schlagwerk unterstützen die Melodieführung, welche bei der anheimelnden, aber dennoch leidlich unheimlichen Atmosphäre des Albums nie in den Hintergrund rückt. Geisterchöre untermalen ununterbrochen den Lauf der Musik, auch "Man Eagle" macht hier keine Ausnahme. Hier scheinen sich Woven Hand und Matt Elliott die Hand zu geben, einen Stammestanz aufzuführen und die Ahnen der Vergangenheit zu beschwören.
Es mag nicht verwundern, das "The Black Hawk Ladies & Tambourines" neben all dieser Magie auch vor manischer Bessenheit nicht zurückschreckt. Es macht eben auch süchtig, wie sich die immer eher betuchlich entwickelnden Stücke langsam auf den Weg machen, den Hörer eher einnehmen als direkt zu erobern, ihm ein Stück seines Geistes abspenstig zu machen, hierbei aber die Musikalität aller Teile niemals vernachlässigen.
Es entsteht ein gewagtes, aber immer ruhig dahinwogendes Ganzes, ein Tagtraum, ein, wie es im letzten Song so schön heißt "Pathway To Heaven". Bläser gleiten uns nach oben, verschwinden im heulend-wirbelnden Wind und versprechen Erlösung.

Folk ganz sicher, aber mit magischem Zusatz.

Sonntag, 7. November 2010

C. W. Stoneking



Sepia ist das neue Pink oder so ähnlich.

Jedenfalls wenn man es mit den Augen C.W. Stonekings betrachtet. Der hat nämlich in diesem Herbst sein zweites, "Jungle Blues" betiteltes Album in Deutschland veröffentlicht und räubert wahnsinnig tief in der musikalischen Mottenkiste.

Die 20er-40er Jahre des letzten Jahrhunderts sind sein Quell der Inspiration und was er da nicht alles gefunden hat. Selbst mit Gitarre bewaffnet und einer Stimme gesegnet, die Türen aus Angeln heben kann, nölt, knödelt, knarzt, summt, jault und jodelt er sich mit seinem "Primitive Horn Orchestra" durch eine variantenreiche Vaudeville-Show, mit augenzwinkernden Texten, frechen Anspielungen und mehr denkler "Blues-"Seele als man sich es im 21. Jahrhundert vorstellen kann.
Mit seinem frechen, ungestümen und einnehmenden Wesen lädt er zum "Jungle Blues", tatkräftig begleitet von blechernen Bläsern, kann aber auch anders, wenn er ein wenig ungelenk, aber dennoch mit dem Herz am rechten Fleck den Dschungel schlafen schickt, und zu klagender Klarinette und wiegender Begleitung das "Jungle Lullaby" anstimmt.
Der stampfend-swingende Calypso "Brave Son Of America" zeigt dann wiederum mit welcher Leichtigkeit der Wahlaustralier wenig angestaubte, wenn auch durchaus relevante, kritische Töne aufgreift und das Rad der Zeit im Kopf umzulegen wersucht. Es scheint im diebisches Vergnügen zu bereiten, den damals durchaus brisanten Texten eine neue, angemessen ironische Note zu verpassen ohne übers Ziel hinaus zu schießen.
Bei "I Heard The Marchin Of The Drum" findet man sich dann plötzlich in einer Jazzbar in New Orleans wieder, hier wird das klassische "Alexander's Ragtime Band" zitiert, die Trommel gibt die Marschrichtung vor und ab geht die Post. Es sind aber sicherlich vor allem die lateinischen Rhythmen, die "Jungle Blues" zu einem ausergewöhnlichen Hörerlebnis machen, auch bei "The Love Me Or Die" drängen sich diese nach vorn, Voodootrommeln rauschen im Hintergrund und eine betrunkene Tuba tanzt in Schlangenlinien mit quietschenden Trompeten und Klarinetten um die Wette.
Es ist ein zauberhaftes Vergnügen in den historischen Musikkosmos C.W. Stonekings einzutauchen, dem der Drahtseilakt Tradition und Moderne wie bei einem gelungenen Zaubertrick so unverschämt gut zu verknüpfen, das es eine wahre Freude ist.

Der Vorhang lüftet sich, der Künstler betritt nun selbst die Bühne:

Dienstag, 2. November 2010

My monthly Mixtape: November

Ein Gebräu von enthusiastischem Indiefolk und knorrigem Gothic Country, ein Quentchen Brit-Folk, zwei Messerspitzen Arcade Fire und einen Fingerhut voll Soul, fertig ist das diesmonatige Mixtape. Selbstverständlich ist es auch wieder beim wundervollen "Radio der von Neil Young Getöteten" zuhören, ein wenig Zeit wird da wohl allerdings noch ins Land gehen. Ungeduldige dürfen sich aber gerne mit dem vorzüglichen übrigen Programm beschäftigen, es lohnt sich.

01 My Jerusalem - Sweet Chariot
02 Prince Of Assyria - Another Love Song
03 Ben Weaver - Grass Doe
04 Avalanche City - The Citizens
05 Munly & The Lupercalians - Petr
06 Mark Growden - Coyote
07 Sufjan Stevens - Vesuvius
08 Skywatchers - Soul Baptist
09 I Like Trains - A Father's Son
10 The Strange Death Of Liberal England - Rising Sea
11 Broken Records - A Darkness Rises Up
12 My Heart belongs to Cecilia Winter - Skeleton bBride
13 Emily Portman - Tongue-Tied
14 Phil Ochs - Flower Lady
15 Belle and Sebastian - I Want The World To Stop
16 Aloe Blacc - I Need A Dollar
17 David Geddes - Run, Joey Run
18 Editors - It Ain't Me Babe

...und nach, vor oder auch während der Lektüre darf als Appetizer ein wohlfeiles Video nicht fehlen:

Samstag, 30. Oktober 2010

Tyler Stenson



Ein Mann und seine Gitarre....und ein bisschen drumherum.

Tyler Stensons Myspace-Seite gibt als Herkunftsort Nashville und Portland an, da ist es klar wohin die Reise geht. So könnte man zumindest auch aufgrund von Songtiteln wie "As The Crow Flies", "The Road" und "Great Man's Funeral" auf erdigen, heimatverbundenen Country tippen und hätte dann doch nur halb recht. Der Musiker findet auf "Bittersweet Parade" zwar sicherlich auch Wurzeln amerikanischen Volksguts, dennoch wählt er meistens elegantere Wege, um seine weichen, erzählenden Stücke vorzubringen.
"I Get No Sleep" punktet da mit öligen Orgelklängen, gemächlicher Stimmung und Pizzicato-Banjo. Diese Langsamkeit, diese innere Ruhe ist es auch, die dem Album seine Momente zuweist. Im Opener "Welcome To Chance" versucht sich Stenson als schwelgender Western-Troubadour, das sich leicht und federnd dahinwiegende "Great Man's Funeral" lässt sich auch durch das vorsichtig beschleunigte Schlagzeug nicht aus der Fassung bringen. Es ist erstaunlich, wie sehr sich Stenson vermeintlichen Referenzgrößen annähert, so klingt "You Already Know" nach einem heiseren Damien Rice, die Mundharmonika hingegen hat er sicherlich bei Rocky Votolato geklaut.
Es ist fast ein Gefühl, man lernt auf "Bittersweet Parade" alte Freunde neu kennen, "Push The River" nimmt dazu den Hörer an die Hand, gibt ein paar dunkle Streicher an die Hand und lässt ihn tränenfeucht oder voll von wohlige Wärme zurück. Diese Gefühligkeit nimmt auch über den Rest des Albums nicht mehr ab, höchstens bei der Intensität wagt Stenson den ein oder anderen Schritt zurück, in "Blush" merkt er treffend an "underneath our clothes, we are just heart and bones", verletzlich, zerbrechlich, trotzdem aber lebendig. Oder gerade deshalb? Schließlich will er ja auch bis zuletzt kämpfen, wie er in "Fight Til Dying Day" anmerkt, welches mit Akkordeonbegleitung wunderbar in die Abenddämmerung schaukelt. "Wyoming" setzt dann den krönenden Abschluss, wieder voller Ruhe, wieder voller Kraft.

Ein hörbares Roadmovie, aber ein sehr lohnendes:

Montag, 25. Oktober 2010

Hits von gestern: David Geddes - Run Joey Run

...manchmal muss man halt Farbe bekennen. Der Bänkelsänger ist vielleicht nicht süchtig, aber dennoch sehr angetan von GLEE. In der Folge "Bad Reputation" der ersten Staffel spielt diese herzzereissende "Mörderballade" eine entscheidende Rolle, die ich hier als "Hit von gestern" noch mal zu Gehör bringen möchte. Ausserdem war "Run Joey Run" zu Kindertagen ein gern gesehener Mixtape-Gast:

Dienstag, 19. Oktober 2010

Emily Portman


Honigsüße Stimmgewalt im anheimelnden Klanggewand.

Es ist eine traditionelle Spielart britischen Folks, die die junge Dame aus Newcastle-upon-Tyne zu Gehör bringt und doch klingen die kleinen und filigranen Songs auf ihrem Soloalbum "The Glamoury" ungeheuer frisch und modern. Das fängt beim sensibel instrumentierten Opener "Bones And Feathers" an, indem es nur so vor Spielfreude und Musikalität strotzt. Emily Portman lässt hier schon ihrer hellen Stimmfarbe viel Raum, selbst die aufbrausenden Streicher werden zum sanften Begleiter und auch sparsam eingesetze Tasten- und Concertina-Klänge untermalen eher als sich in den Vordergrund zu rücken. "Tongue-Tied" spielt mit hübschem Zwiegesang, ein Echo-Effekt wird führendes Element und erhält auch im ruhigen, fast pendelnden "Grey Stone" seinen festen Platz. Portman versteht es meisterhaft, die federleichten, von mittelalterlichen Melodielinien durchzogenen Stücke in abwechslungsreiche Kostbarkeiten zu verwandeln, aus dem am Anfang nur mit gezupfter Gitarre begleiteten "Mossycoat" wird ein lebensfroher Reel, ungestüm und übermütig.
Es scheint zu jedem Zeitpunkt so, als wäre der Sängerin mitten im Song eine neue Idee gekommen, "Stick Stock" zum Beispiel baut auf einen Abzählreim auf, dann wird Tempo aufgenommen, eine zweite Melodie aufgenommen und auf einmal abgebremst, vielleicht um schon einen Vorgeschmack auf das folgende, von knorrendem Cello eingeleitete "Little Longing" zu geben. Natürlich finden sich auf "Glamoury" auch klassische Folksongs. Wie auch Alasdair Roberts auf seinem aktuellen Album "Too Long In This Condition" versucht sich Emily Portman an "Two Sisters" und schafft es, eine mehr als ebenbürtige Version fast an das Ende des Album zu setzen, das mit dem fast schon experimentiell anmutenden "Sirens" und dem A-Capella-Stück "Three Gold Hairs" sicherlich ein mehr als anspruchsvolles, aber dennoch wunderbar warmes Abschlußtrio bietet.
Es ist schon bemerkenswert, dass sich erneut eine britische Folksängerin so eigenständig präsentiert und dennoch Stücke im Repertoire hat, die inzwischen beinahe Evergreens geworden sind. Folkgemeinde aufgemerkt: hier kommt Emily Portman!

Leider gibt es (noch) kein aussagekräftiges Video, daher muss die Myspace-Seite ausreichen, die dafür dann aber auch mehr Songs vom Album anbietet:

Hier geht's zu Emily Portman.

Dienstag, 12. Oktober 2010

Mark Growden



 Langsam schleppt sich ein Akkordeon klagend in den Raum.

Es scheint nahezu unfassbar, wie sehr sich Mark Growden aus San Francisco manchmal nach Tom Waits, manchmal nach Nick Cave anhört und dabei mindestens vier verschiedene Instrumente spielt. Saint Judas heißt sein in diesem Jahr erschienenes Album und eigentlich klingt es auch genau so. Zwischen getragenen Gospelblues und rauhbeinigen Americana mischen sich biblische Anspielungen, Engelschöre und verlockende musikalische Versuchungen.
Wenn sich direkt am Anfang der "Undertaker" aus den Untiefen der Hölle den himmlischen Verlockungen stellt, wird einem schier angst und bange, wie hier wird mit Klang, Melodie und hereinschleichender Intensität Atmosphäre geschaffen hat. Gut kann man sich die Bilder vorstellen, wenn sich im titelgebenden "Saint Judas" die Parade der Heiligen und Sünder auf den Weg macht, begleitet von torkelndem Dixieland, knochentrockenen Blechbläsern und einer vor Eifer geradezu angespannten Stimme.
Dieses Zusammentreffen von tiefer Spiritualität und himmlischer Leichtigkeit, die sich in den bis zu 9 Minuten langen Stücken immer wieder findet, beherrscht auch die wie aus waidwunder Kehle angestimmten "Been In The Storm So Long" und "I'm Your Man", wobei letzteres mit seiner gedämpften Trompete mehr als nur die Träne im Knopfloch zurücklässt. Aber auch wenn die danach im lockerer schunkelnden "Faith In My Pocket" schnell wieder weggewischt wird, spätestens wenn das melancholische "Coyote" die letzte Spur an Helligkeit vertreibt, wird die Stimmung wieder dunkel. Dem wunderbaren Video dazu ist anzumerken, Growden kann auch Filme untermalen und hat das auch bereits getan. Einen weiteren Film wäre dann sicherlich auch noch mal das zweigeteilte "The Gates/Take Me To The Water" wert, wo spätestens im zweiten Teil noch mal richtig die Post abgeht, bis zum Schluß mit dem Traditional "All The Pretty Little Horses" das Album mehr als versöhnlich und fast schon erleuchtend ausklingt.
Es mag jetzt abgedroschen klingen, doch genau so ein Album wie es Saint Judas darstellt, braucht den Herbst und der Herbst braucht dieses Album. Wer jetzt zuletzt fragt, was denn nun das ganze mit dem Akkordeon zu tun hat, höre und sehe bitte "Coyote":

Freitag, 8. Oktober 2010

Anna Calvi

Frankie Laine war der Erste, Edith Piaf kam ein bisschen später.
Jetzt gut 50 Jahre später taucht Anna Calvi auf und haucht "Jezebel" wahrlich neues Leben ein.
Düsterromantik mit kraftvollen Drums, eine Stimme voll von süßem Gift, eine Betörung zwischen den Welten:



Wenn das im kommenden Jahr anstehende Album nur halb so gut wird wie dieses wahnsinnige Cover, könnte der Bänkelsänger einen ersten sehr ernstzunehmenden Kandidaten für die Hitliste 2011 haben.

Dienstag, 5. Oktober 2010

My monthly Mixtape: Oktober


Das Bänkelsängermixtape im Oktober ist beherrscht von graugrünen, manchmal auch rotgoldenen Tönen, die das Zwielicht lieben und auch mal die ein oder andere Sturmböe bevorzugen. Meistens verstecken sie sich allerdings zwischen den kahler werdenden Bäumen und huschen mit viel Gefühl und Seele vorbei. In Kürze gibt's dass dann auch wieder bei www.drdvnyg.de zu hören, jetzt soll uns erst mal Mat Sweet von Boduf Songs auf die kalten Folgewochen einstimmen:

 1) Smoke Fairies – Summer Fades
2) Boduf Songs – Bought Myself A Cat O Nine Tails
3) J. Tilman – Three Sisters
4) Leif Vollebekk – Don’t Go To Klaksvik
5) Theodore – I Won’t Be A Stranger
6) Cath & Phil Tyler – Lady Gay
8) Niall Connolly – America
9) Skywatchers – Keep Watching The Sky
10) Junip – In Every Direction
11) Interpol – Always Malaise (The Man I Am)
12) Deine Lakaien – Six O’Clock
13) Edwyn Collins – Bored
14) Grinderman – Kitchenette
15) The Zombies – Brief Candles
16) Duncan Browne – Dwarf In A Tree (A Cautionary Tale)
17) Harpers Bizarre – Peter And The Wolf
18) Phil Ochs – Outside A Small Circle Of Friends
19) Nick Garrie – Evening

Sonntag, 3. Oktober 2010

Skywatchers



Der bestirnte Himmel über mir.

So beschaulich wie sich die ersten Töne des Openers "Dead Flowers For Her" in den Raum schälen bleibt das Debutalbum der Engländer aus Sheffield und Colchester nicht immer. Aber so gut wie dort mit flächengreifendem Gesang, ganz ähnlich den artverwandeten I Am Kloot und breiten, aber eleganten Gitarrenmomenten verfahren wird, bleibt es fast das ganze "Skywatchers Handbook" über.
Einem Ausflug an sphärische Grenzen gleichkommend, setzen die Skywatchers auf breit angelegte Arrangements, unterstützen diese wie im elegischen "Soul Baptist" mit allerlei Flöten und blubbernden Synthesizern. Das träumerische "The Curious Village" überzeugt wiederum mit leidendem Saxophon und Wehmut in der Stimme Kervin Pearces' und schickt Musik und Gedanken in fern entlegene Gegenden. Diese Sehnsucht nach Ferne, dieses den Kosmos umarmende ist sowohl Name als auch Programm der gesamten Platte ohne dabei blindlings abgehoben zu wirken oder ins esoterische und übernatürliche abzudriften.
"Serves Me Right" lässt dann zum ersten Mal ein wenig die Handbremse los, unterstützt von unruhigem Schlagzeug macht es sich auf den Weg zu den Sternen um spätestens vom darauffolgenden "The Lunar Tune" wieder auf den Boden zurückgeholt zu werden. Mit dem Blick in die wolkenlose Nacht zwitschert es hier an allen Ecken, schwärmerisch wird dem Mond ein Liebeslied gewobe. Mit Kopf im Nacken, immer pendelnd zwischen Himmel und Erde wird dann auch zum Ende des Albums hin, der Blick nicht mehr gesenkt, "Keep Watching The Sky" als letzter Punkt, als Sternzeichen wagt als Titelstück noch mehr Fülle und verabschiedet sich gleichermaßen weich wie bestimmt in weit entfernte Welten.

Freitag, 1. Oktober 2010

Hitparade - 2010 Vol III




Viel hat sich ja nicht getan innerhalb des letzten Quartals, was wahrscheinlich daran liegen mag, dass der Sommer ja doch eher veröffentlichungsschwächer daher kommt. Immerhin haben sich zwei Neuzugänge in den Top Ten platziert und mindestens Platz 11 ist auch auf einem guten Weg dorthin.

1. Sam Amidon - I See The Sign
2. Josh Ritter - So Runs The World Away
3. Anais Mitchell - Hadestown
4. Joanna Newsom - Have One On Me
5. Nina Nastasia - Outlaster
6.
Shearwater - The Golden Archipelago
7. Marc Almond - Varieté
8. Hans Unstern - Kratz Dich Raus
9. Arcade Fire – The Suburbs
9. Gisbert Zu Knyphausen - Hurra! Hurra! So Nicht
10. Erland & The Carnival - Erland & The Carnival
11. Niall Conolly – Brother, The Fight Is Fixed
12. Lone Wolf - The Devil & I
13. Tocotronic - Schall & Wahn
14. The National - High Violet
15. David Karsten Daniels & Fighting The Big Bull - I Mean To Live Here Still
16. Wovenhand - The Threshingfloor
17. Owen Pallett - Heartland
18. Strand Of Oaks - Pope Killdragon
19. Skywatchers – The Skywatchers Handbook
20.
Horse Feathers - Thistled Spring

…und auch bei den Songs sind nur wenige kleine, aber feine Neuzugänge zu verzeichnen, blutig ist’s immer noch, aber ein wenig gemäßigter:

1. Gisbert Zu Knyphausen - Kräne
2. Nina Nastasia - This Familiar Way
3. Hans Unstern - Paris
4. Sam Amidon - How Come That Blood
5. Strand Of Oaks – Sterling
6. Josh Ritter - Folk Bloodbath
7. Lone Wolf - We Could Use Your Blood
8. Marc Almond – The Exhibitionst
9. Lost In The Trees – Walk Around The Lake
10. Niall Connolly – America

Den Lektüreuntermaler gibt’s dieses Mal vom wunderbaren Marc Almond:

Dienstag, 28. September 2010

Theodore - Hold You Like A Lover



Wohlige Schauer.

Theodore sind Amerikaner aus der Gegend um St. Louis und machen Musik. Country? Folk? Americana? Schon richtig, aber im Grunde mehr als das. "Hold You Like A Lover" ist das dritte Album des Vierers und ein richtig tolles Kaminfeuererlebnis (allerdings durchaus auch mit Haarsträubemomenten).
Schon im Opener "I Won't Be A Stranger" übernimmt Melancholie das Ruder, eine sacht angeschlagene Akustikgitarre erklingt zu schleppendem Schlagzeug, ein wenig Fleet Foxes, ein bisschen Felice Brothers. Dann pluckert ein leises Banjo, eine zweite Stimme erscheint und auf einmal überstrahlt eine Trompete die Szenerie. Wundervoll!
"Betting To Show" zieht ein wenig am Temporegler ohne aufbrausend zu wirken, das Kaminzimmer weicht einer urigen Bar, Blechbläser scheppern sich heran und laden zum Tanz. Kraftvoll! "Evergreen" schunkelt sich dann wieder zurück, wirkt relaxed, fast zurückgelehnt und schwingt behende von rechts nach links, mit singender Säge im Handgepäck. Und genauso frisch wie in diesen ersten drei Stücken fallen über das ganze Album feine Melodien übereinander her, lugen versteckt hinter lustigen Instrumentaleinfällen hervor und scheuen sich auch nicht, von umkippenden Stimmen angestimmt zu werden. Allerspätestens wenn dann im magischen "Death's Head" die Stimmung kippt und aus dem wohlfühligen und sehnsuchvollen Momenten die kalte Faust in den Nacken des Hörers springt, Gitarren sich gegenseitig in Grund und Boden prügeln und mit einem Paukenschlag vernichten, springt dann dieser Zauber aus wohlfeiler Musikalität und Gespür für den Moment auch beim gefühlskältesten Menschen der Welt über.

Prickelnd, kribbelnd, einzigartig.

Donnerstag, 23. September 2010

Hits von gestern: Phil Ochs - Outside A Small Circle Of Friends

Ob der Begriff Hit hier wirklich zählt mag dahingestellt sein, schließlich hatte der amerikanische Musiker Phil Ochs zu seiner Zeit nur so mittelprächtigen Publikumszuspruch. Dieses wunderbar zwischen Folk, Baroque- und Sunshine-Pop ozillierende Liedchen hat es jedoch zumindest mal ins Radio geschafft und ist somit vielleicht dem einen oder anderen noch ein Begriff:

Mittwoch, 22. September 2010

Hitparade - Ein Jahr Bänkelsänger


...seit gestern ist der Bänkelsänger stolze 1.
Irgendwie schon komisch, wenn ich mir überlege, dass ich eigentlich mal ursprünglich so alle paar Tage einfach einen netten Song per Youtube-Video oder ähnlich vorstellen wollte, wie ich das auch schon mal mit Twitter gemacht habe, und nun? Seitdem sind immerhin 130 Einträge erfolgt, also fast alle drei Tage einer und aus kurzen Sätzen wurden dann doch umfangreichere Künstlervorstellungen, Mini-Rezis, Konzertberichte, Mixtapes und Hitparaden.
"Bingo" von Mi & L'Au hat damals den Anfang gemacht und irgendwie war das ja auch schon Programm. Bingo! Der Bänkelsänger hatte bis heute ca. 7155 Besucher aus 44 Ländern, ein paar Stammleser sind auch dabei und einige Kooperation hat's auch gegeben. (AUFTOUREN/drdvnyg/paperblog). Bingo! Musikalisch ist die Bandbreite größer geworden: Neben "Contemporary Folk" hatten auch Pop, Indiepop, Noisepop, Chanson, Post-Punk, Elektrisches, Dark-Wave, Hip Hop, Couplets, Oldies, Klassiker, Evergreens und viele viele Genres so ihre Momente. Bingo! Wenn ich dann noch über die vielen Künstler nachdenke, dich ich in den letzten Monaten "nur" auf meinem Mixtape erwähnt habe, könnten da noch 489234689365mehr Stilrichtungen Erwähnung finden, von den Hitparaden und Bestenlisten ganz zu schwiegen. Und da war so viel Gutes dabei.
Stellvertretend für so viel gute (Folk-)Musik gibt's jetzt eine spontane (Hit-)Liste auf Monatsbasis, zum einen für mich zur Erinnerung (ist ja schließlich bals Quartalsende) aber auch dafür, dass der ein oder andere (neue) Leser wieder zurückblättern kann und mag.

September 2009:
damals verspätet, immer noch zauberhaft:


Oktober 2009
unvergessen:


November 2009
im Oktober erwähnt, spätestens seit November ein Dauerbrenner:


Dezember 2009
ein Herzerwärmer:


Januar 2010
Winterkälte pur:


Februar:
ein moderner Klassiker, über's jahr schon enorm gewachsen:


März 2010:
das wohl schönste deutschsprachige "Volkslied" in diesem Jahr:


April 2010:
modern, traditionell, gewitzt, wunderschön:


Mai 2010:
bester Songwriter des Jahres?:


Juni 2010:
das Kopf-an-Kopf-Rennen gewinnt ein düsterer, wundervoller tango:


Juli 2010:
bestes Comeback (dabei war der ja eigentlich nie weg!):


August 2010:
beklemmend, aber perlend:


September 2010:
abwarten und Teetrinken, sind ja noch 7 Tage! :-)

Joi, was für ein Kraftakt, aber ein schöner. Zum Schluß noch ein feister Dank an alle fleißigen Leser, für die freundlichen und anregenden Kommentare und an alle Musiker, die mir meine Leidenschaft für "schöne Lieder" jeden Tag aufs neue ein wenig größer machen. Den Bänkelsänger gibt's mit Sicherheit noch ein Weilchen, bleibt mir treu.

Montag, 20. September 2010

Deine Lakaien




Dunkles Samt auf heißkalten Flächen.

Alexander Veljanov und Ernst Horn sind nun schon im 25sten Jahr Deine Lakaien. "Indicator" ist (je nach Zählweise) mindestens das 10. Album und auch wenn wir hier wieder die Pfade des reinen Folkgeistes verlassen, dunkel genug um auf dem Bänkelsänger gewürdigt zu werden, ist es auf jeden Fall und gut ist es sowieso.
Wer das dunkle samtige Timbre Veljanovs zum ersten Mal hört, muss sich (je nach Gefühlslage) seltsam angezogen fühlen, vielleicht sogar betört werden. Die dazu (je nach Album) angestimmten, meist kälteren elektronischen oder warm akustischen Klänge polarisieren herum und laden zum Tanz auf der Rasierklinge. Messerscharf gezogen, häufig mit schneidender Intensität perlen die synthetischen Strukturen um ein vorwiegend elektrisch erzeugtes, perkussives Geäst. Finstere Streicherklänge sirren mit stechenden Pianoklängen um die Wette und nicht selten halten auch ein Paar gerne mittelalterlich angehauchte Bläserklänge Einzug.
"Indicator" macht hier keine Ausnahme. Elegische Klangfülle heißt das Zauberwort, Sounds die in den Arm nehmen, Klänge die einen in Mäntel einhüllen, dazu wieder unfassbar eingängie Melodien breiten dem Hörer den Teppich aus. Die kräftige, hallende Vorabsingle "Gone" schleicht erst bedächtig herein, lockt mit rhythmischer Komplexität und bleibt doch unglaublich eingängig. "Europe" wird teilweise auf französisch bestritten, sieht durchaus Lichter am Ende des Tunnels und windet sich zwischen Nacht- und Halbschatten. Ein kühner Höhepunkt hingegen ist das treibende, mit seinem fulminanten Beat herausbrechende "Six O'Clock", in dem Veljanow mit teuflischer Anmut sämtliche Herbstgespenster vertreibt.

Ein wahrhaft beeindruckend klanggwaltiges Werk zwischen Tag und Nacht.


Dienstag, 14. September 2010

Leif Vollebekk



Immer her mit den jungen Kanadiern.

Leif Vollebekk versteckt sich allerdings nicht wie seine artverwandeten Kollegen von Evening Hymns oder The Wilderness Of Manitoba hinter einem Kunstnamen sondern ist so echt wie seine Musik. Auf dem in Kanada und im Rest der Welt schon im Januar erschienenen Album "Inland" eifert er großen Vorbildern nach, allen voran Neil Young und Bob Dylan, was man nicht nur an der Art und Weise seines Gitarreneinsatzes merkt.
Spätestens beim hinreissenden "Quebec" fühlt man sich auch historisch dorthin zurückgesetzt und sieht den flehend nuschelnden Sänger auf staubigem Grund oder eben der holzverschalten Veranda kanadischer Blockhütten, die weiten Nadelwälder im Blick. Ein Mundharmonikaeinsatz sorgt für den Gänsehautmoment und die Stingstimme fällt nach hinten über, so voller Lust und Inbrunst inszeniert sich der junge Musiker hier.
Doch nicht nur Flehen und Klagen gehören zu seinem Repertoire, im Opener "In The Morning" gibt er den volksnahen Geschichtenerzähler und beim quirligen "Northernmost Eva Maria" lädt er zum fröhlichen Mitwippen ein. Besonders gelungen sind aber die noch ruhigeren, sinnlichen Klänge zum Ende des Albums, "1921" lässt sich auf eine Klavier- und Geigenwiese betten und klingt wie ein beseeltes Lied zur Nacht, "Don't Go To Klaksvik" ist die ganz große Ballade, würdevoll, todtraurig, bluesy und gediegen.
Ein Seelenschmeichler, bereit für die große Aufmerksamkeit.

Samstag, 11. September 2010

Live: Phillip Boa & The Voodooclub



Annie musste draussen bleiben.

Nach längerer Konzertabstinenz beginnt der "heiße Herbst" für den Bänkelsänger mit einem echten Klassiker: Phillip Boa wollte mit seinen Mitstreitern auf seiner "Best-Of-Tour" auch das münstersche Metropolis beehren und alle alle sind gekommen: Michael und Albert, Punch, Judy & Valerian, nur Annie durfte dieses Mal nicht dabei sein.

Doch nun von Anfang an:
In den heiligen Hallen durften sich zuvorderst "SASU" austoben, die als Post-Punk/Noise/Rock-Band fungieren können, da aber eine Antworten schuldig blieben. Leider kündigten sie sich aber weder selbst noch irgendeinen ihrer irgendwo in der Schnittmenge zwischen Placebo, The XX und Franz Ferdinand beheimteteten Songs an, lediglich ein flüchtiges "Hallo" und "Danke" des Gitarristen sorgte für eine Interaktion. Musikalisch war das alles sicherlich ganz manierlich, der Sänger machte mit seinem rumpelstielzchen-artigem Auftritt aber keine glückliche Figur, so dass keinerlei Funken zwischen Band und Publikum sprühten. Schade, das Potential war durchaus vorhanden.

Nach kurzer Umbaupause betrat dann der Zeremonienmeister selbst die Bühne, und schon begannen atemberaumbende 100 Minuten, die mit "Euphoria" eingleitet wurden, welches sich als grandioser Opener entpuppte. Danach ging's brachial weiter und Hr. Boa zeigte mal wieder, dass auch nach über 20 Jahren Voodooclub Songs wie "This Is Michael", "Albert Is A Headbanger" und vor allem "Fine Art In Silver" nichts von ihrer Intensität verloren haben und das zahlreich versammelte Auditorium so zu Begeisterungsstürmen bewegte.
Aber nicht nur die offenkundigen Klassiker sind es, die ein Boa-Konzert jedesmal so einzigartig machen. Altbekannte Hits und Evergreens werden von Boa immer wieder in neue Soundumgebungen gepackt und entfalten so live eine neue, meistens druckvollerere Renaissance. Bestes Beispiel: "Speed". In der aktuellen Machart perlen Schlagwerkaskaden brutal auf die mit mannigfaltigen Noisewirbeln verzierten, fast brutal klingenden Gitarren, Boas Stimme erhebt sich mehr als manisch über dieses Soundgewitter und zuckt und zittert sich durch dreieinhalb beindruckende Minuten. Davon können sich aktuelle Noise-Götter wie HEALTH oder die Liars eine beträchtliche Scheibe abschneiden. Oder "Punch & Judy-Club". Zierlich, bittersüß und sehr sehr sinnlich wurde hier performt, genau wie beim artverwandeten "Valerian" oder der etwas zu balladesk gerateten Version von "Deep In Velvet", mit der der gute Phillip immer wieder gerne seine Zugaben einleitet. Eine Neu- oder besser Wiederentdeckung gibt's natürlich auch: "Life After Being A Zombie" vom 90er Album "Helios" ist diesesmal der Song, der durch den Recyclingwolf gedreht wurde und hoffentlich wieder häufiger in die Setlist aufgenommen wird.
Beschlossen wurde dieser atemlose Abend wie nahezu immer mit dem nimmermüdewirkenden "Kill Your Idols", druckvoll, zeitlos, energetisch.

Fazit: Ein sehr gelungener Konzertabend, der keine Vorband gebraucht hätte. Eine fabelhafte Location (das Metropolis ist ein ehemaliges Kino mit ansteigendem Auditiorium und Empore und sehr ordentlicher Akustik sowie Platz für wohl so um 300-500 Mann). Ein sehr sehr gut aufgelegter Künstler und eine gut funktionierende, spielfreudige Band. Ein angenehmes Publikum, auch wenn ich mir den ein oder anderen Stage-Diving-Versuch verkniffen hätte. Eine Feststellung: Best-Of-Konzerte bieten keine Verschnaufpausen.

...und da "Annie" gestern draußen bleiben musste, gibt's jetzt Entschädigung: