Montag, 29. Oktober 2012

Binoculers



Inne(n)halten - inne(n)wohnen.

Ganz sanft und flauschig schleicht sich das Monster heran. Keine langen Fangzähne, keine wiederborstiger Pelz, keine grauenerregendes Gebrüll. Nadja Rüdebusch alias Binoculers nimmt mit einem sanften Fellknäuel vorlieb und jagt somit eher Wohlfühlschauer denn Gänsehaut die Nackenhaare hinauf. Wie mit leuchtenden Kinderaugen betrachtet sie die Welt durch ein faseriges Kaleidoskop, lässt aber gleichermaßen ausreichend eigenes Innenleben nach außen scheinen.

Auf ihrem zweiten Album "There Is Not Enough Space In The Dark", welches via Insular Music am 2.11.2012 erscheint, überwiegen anschmiegsame Folksongs, die mit Kleinigkeiten und Beiläufigkeiten ausgeschmückt werden, gleich so als wären sie der Musikerin im Vorbeigehen eingefallen. Dazu schildern die Texte Begebenheiten, die einerseits so alltäglich wie möglich scheinen, aber dennoch durch ihren persönlich scheinenden Bezug immer kostbar und einzigartig scheinen.

"Monsters", gleichsam eröffnender Akt und Schaubild für das ganze Album zeichnet Kinderbilder, die voller Phantasie und verwaschener Wasserfarben sind. Überall schweben schillernde Wolken, tönen sanfte Klangfarben durch das flackernde Halbdunkel, kein Wunder, das gibt der Albumtitel schließlich vor. Die beinahe zärtlich pendelnden Gitarrenmelodien finden sich immer wieder in Betten aus Geschlagenem, Geklopftem, Gestrichenem und Geblasenem, ein buntes Tohuwabohu, das trotzdem geordnet, neben- und übereinander besteht und teils mit weiteren Singstimmen angereichert wird.

Im schattierten "Grandmother's House" zieht sich ein Walzermotiv mit Pianobass durch die Erinnerungen der Sängerin, beinahe Spieldosenidylle, wie ein intimer Blick in die eigene Puppenstube, bei dem die Zeit auf der Schwelle des Fensterbretts stehengeblieben zu sein scheint. Immer wieder geht der Blick nach innen, mit einer stoischen, geradezu beseelten Ruhe, die im himmlichen "Song For A River" dezent mit Perkussion, Akkordeon und Glockenspiel aufgebrochen wird.

Schließlich "Trapped". Dann doch gefangen? Nicht aus sich herauskommen können. Im Inneren gefangen sein. In der eigenen Gedankenwelt verhangen, mit dem Blick nach aussen, doch den Kontakt nicht folgen lassen können. Rüdebusch lässt uns ein wenig im Dunkeln tappen, führt uns aber spätestens im versöhnlichen "Flock Of Birds" wieder hinaus, mit unaufgeregter Stimme und warmen Harmonien, jedoch ohne komplett das blasse Bild der inneren Erinnerung zu vergessen.

Binoculars verwöhnt mit intimen Folksongs im Stil der ersten Laura Gibson-Alben, die sich, wie soll es auch anders sein, ganz vortrefflich in die dunkelbunte Herbststimmung einfügen. Ohne Hast, mit viel Liebe zum Detail wird "There Is Not Enough Space In The Dark" zur Gedankenreise ins eigene (halb)dunkle Ich.

Das Lauschbild folgt sogleich:


Etwas ganz besonderes bietet sich hinsichtlich der verfügbaren Medien an, denn "There Is Not Enough Space In The Dark" gibt es neben den herkömmlichen Erscheinungsformen auch auf Kassette via Romani Ite Domum, einem feinen Kasettenlabel, dem man die Detailverliebtheit anhand des wunderschönen Covers durch und durch anmerkt:


Donnerstag, 25. Oktober 2012

My monthly Mixtape: Oktober



Auch wenn es bereits eher November denn Oktober ist, gibt's trotzdem noch ein "monthly Mixtape". Das hat es dafür auch ganz schön in sich, vereint es doch einige Lieblingslieder des bisherigen Jahres mit einem wiederentdeckten "All-Time-Favourite" und lässt klanglich kaum Wünsche übrig. Klaustrophobischer Garagen-Folk, wehmütiger Schlafzimmerpop und chansoneske Literaturvertonungen auf der einen, brilllantes Instrumentalspiel, stimmungsvolle Mitmachlieder und alptraumhafte Hommagen auf der anderen Seite. Klingt komisch? Dann Ohren auf und hingehört:

01. Simon Joyner - Vertigo
02. Jake Bugg - Lighting Bolt
03. Cult of Youth - Golden Age
04. Sean Rowe - Downwind
05. Murder By Death - Ramblin'
06. The Mountain Goats - Lakeside View Apartments Suite
07. Mumford & Sons - Hopeless Wanderer
08. Sea Wolf - Saint Catherine St
09. Adrian Crowley - Alice Among The Pines
10. Mark Eitzel - I Love You But You're Dead
11. JaKönigJa - Diese Schmerzen Musst Du Teilen
12. Peter Broderick - I've Tried
13. Misuk - Erinnerung an die Marie A
14. Echo Me - Darkest Hour
15. Paul Thomas Saunders - Let the Carousel Display You & I
16. Calexico - Splitter
17. Efterklang - Sedna
18. Patterson Hood - Come Back Little Star


Und selbstverständlich gibt's auch ein Lauschbild zum Glück:

 

...wann und ob die Ausgabe diesen Monats auch beim Radio des Vertrauens läuft, wird sich in Kürze zeigen, ansonsten empfehle ich wie immer aber auch dessen sonstiges sehr hörenswertes Programm.


Montag, 22. Oktober 2012

Echo Me

Da bin ich wieder. Entschuldigt die Abwesenheit. Jetzt geht's weiter.






Folk(s)vergnügen.

Mann mann mann mann, da hat sich Jesper Madsen alias Echo Me aber ganz schön vertan. Jetzt ist doch Oktober, was sollen wir denn da mit solch einem tollen, eingängigen Sommerhit wie "Left From The Fire" noch anfangen? Im Zweifel Tanzen, Mitsingen oder zumindest mit Begeisterung mitwippen. 

Letzteres kann man zu einigen der Songs auf dem selbstbetitelten Debut des jungen Kopenhageners und jetzigen Wahlberliners wunderbar, jedoch schlägt Madsen nicht nur fröhliche und unbeschwerte Töne an. Auf "Echo Me" passiert für ein Debutalbum eine ganze Menge. Da reihen sich niedliche Folk-Singalongs wie das bereits erwähnte "Left From The Fire" an das kraftvoll nölende "The Actor & The Play" was zum einen toll komponiert, zum anderen auch mit so viel spannenden Nebengeräuschen gespickt ist und mit viel Verve vorgetragen wird.
Madsen verbindet auf seinem Album Kunstfertigkeit mit mitreißenden Melodien, die so vertraut klingen, als wären sie dem eigenen Lieblingsmixtape entsprungen. Und genau dieses Gefühl vermittelt der Däne in dieser guten halben Stunde, in dem er kurzweilig und mit wandelbarer Stimme Alltäglichkeiten in Songs umwandelt. In Songs, die Begebenheiten erzählen, die ihm wichtig sind, in Stücken, die seine Geschichte erzählen und in Klängen, die seine prägnante Stimme unterstützen. 

Ob er nun wie in "You Never Will Be Mine" brüchig klingt wie ein stimmbrüchiger Teenager, der sein Liebesleid in die Welt weint und sich dabei von Mandolinen und verhaltenem Chorbackground unterstützen lässt oder amerikanisch anmutendes Gitarrenpicking unter die Stimme legt, Madsen versteht es mit kleinen Kniffen immer für Aufmerksamkeit zu sorgen.

Absolutes Highlight und jetzt schon einer der Songs des Jahres ist das fabelhafte "Darkest Hour". Wenn sich die Harmonika trunken in den Raum schleppt und das Schlagzeug trocken wie Reisigzweige angeschlichen kommt, thront Madsen mit seiner prägnanten Stimme über den Dingen und heult mit beängstigender Kopfstimme den Mond an. Manchmal kann "Echo Me" in seiner Vielfalt ein wenig überfordern genauso wie die Stimme Madsens nicht immer ganz unangestrengt eingesetzt wird, doch helfen die kleinen Kinkerlitzchen in den einzelnen Stücken, die mit viel Liebe für glitzernde Aufmerker sorgen, immer wieder für neue Aufmerksamkeit. 

Insgesamt macht "Echo Me", dass am 19.10.2012 via Für-Records erschienen ist, Spaß und vor allem neugierig auf mehr. Die vielen Facetten die teils nur einzeln angeschnitten werden (man höre nur das lustig vor sich hin trabende Countryliedchen "Packing My Stuff"), lassen hier noch sehr viel Spielraum, so dass Madsen gerne noch weitere Songs nachschieben darf. Bis dahin singen wir halt vergnügt mit und können uns auf einigen Konzerten auch noch von seinen Live-Qualitäten überzeugen:



24.10.2012 DE-Hildesheim, VEB Club
25.10.2012 DE-Goetingen, Heimathafen im Pool
26.10.2012 DE-Wuppertal, Bürgerbahnhof "Endstation Sehnsucht"
03.11.2012 DK-Odense, Kansas City
04.11.2012 NL-Groningen, Melodica Festival
09.11.2012 NL-Amsterdam, Skokie
11.11.2012 NL-Rotterdam, Le Vagabond
16.11.2012 DK-Aarhus, Vestergade 58
17.11.2012 DK-Kopenhagen, Huset i Magstræde
23.11.2012 DE-Dresden, Ostpol (PPZK Songwriterfestival)
24.11.2012 DE-Stutgart, Café Galao
06.12.2012 FR-Paris, Pop In
17.12.2012 DE-Hamburg, Stellwerk
18.12.2012 DE-Hannover, Glocksee
20.12.2012 DE-Berlin, Aufsturz
21.12.2012 DE-Weimar, Kasseturm
 
Und jetzt gibt's was auf die Augen:
 
 



Montag, 3. September 2012

My monthly Mixtape: September



Zogen einst fünf wilde Schwäne. 

Eigentlich ist das Mixtape diesen Monat ganz schön verwunderlich. Schließlich erscheinen binnen dieser Tage so viele potentielle "Alben des Jahres" und trotzdem schafft es nur die Tiergemeinschaft aufs Mixtape. Dass die anderen tierischen Anwärter (noch) nicht ins Blickfeld huschen, liegt vor allem an der nicht ausreichend großen "Singlekompatibilität" oder schlicht und einfach daran, dass sie noch nicht erschienen sind. Doch auch ohne die großartigen Swans, zu denen ich hier meine Meinung kund tue und die bestimmt ebenso großartigen Grizzly Bear gibt's allerhand zu bestaunen, allen voran einen neuen Vorgeschmack vom Dunkelschweden Jonas Carping, deutschen Doo-Wop, viele Damien-Jurado-Referenzen, luftiges und auch bleischweres Folk- und Countrygeschrammel, opulente Pophymnen und und und. Man höre (bald auch auf dem Radio):

01. Jonas Carping - The Sting
02. Evening Hymns - Family Tree
03. Dylan LeBlanc - Part One The End
04. Whitehorse - Achilles' Desire
05. James Apollo - Two By Two
06. Corb Lund - Gettin' Down On the Mountain
07. James Yorkston - Border Song
08. Sugar - Fortune Teller
09. Animal Collective - New Town Burnout
10. Phillip Boa & The Voodooclub - Ernest 2
11. Keine Zähne Im Maul Aber La Paloma Pfeifen - Meise, Pony, Albatros
12. Ice Choir - The Ice Choir
13. Get Well Soon - Roland, I Feel You
14. Jens Lekman - The World Moves On
15. Eugene Mcguinness - Joshua
16. Kid Kopphausen - Moses
17. Poor Moon - Birds
18. The Crystalairs - Fort Nach Alaska




Mittwoch, 29. August 2012

The Dropout Patrol



Verletzliches Popmelodram mit Folkakzenten.

The Dropout Patrol kann deine heimliche Lieblingsband werden. Vor allem dann, wenn melancholische und wahre, ruhige und nachdenkliche, verletzliche und kraftvolle Indiepopmomente zum Lieblingsgenre gehören. Doch auch bei allen anderen solllte das selbstbetitelte, am morgigen Freitag via K&F erscheinende Album mindestens einmal einen Hördurchgang bekommen, denn der feinsinnige Pop der Band um die Sängerin Jana Sotzko hat es allemal verdient.

Fast müßig erscheint es einzelne Songs des Albums hervorzuheben, wohnt ihnen doch alle eine sypathische Gemütsruhe inne, die mal mehr mal weniger aufmüpfig mit dem folkinfizierten Indierock eines (mal wieder) frühen Damien Jurado oder Songs:Ohia anbändeln. Sotzko ist dabei zwar Hauptfigur, lässt ihren Kollegen an Schlagzeug, Bass und Gitarre aber mindestens genügend Raum für eigene, meist wohldosierte Ausbrüche. Herzstück auf "The Dropout Patrol" ist das fabelhafte "It May Be That We Are Passing Through Difficult Landscapes", dass einen leidlich pessimistischen Anstrich in warme Farben hüllt und so den besungenen "Ghost Towns" den richtigen Anstrich verleiht. Generell herrscht keine durchweg freudestrahlende Stimmung, die jetzt schon leichtherbstlich colorierten Stücke wechseln auch schon mal mit monochromem Glanz. Ganz besonders fällt das direkt zu Beginn bei "Other People's Problems" und "The Great Hesitation" auf, die verhalten, aber dennoch stetig vor sich hin schreiten, aber längst kein frühlingsfrischen Sprimginsfeld vor sich her schubsen. 

Es ist bezeichnend, dass The Droupout Patrol sich nicht immer zwingend an den erstbesten Tempi und Rhythmen aufhalten, mal wird verschleppt, dann wieder angezogen, erzeugen sie doch auf Albumlänge Bilder und Geschichten, die auch nicht in einem Fluss daherkommen, sondern sich verändern, neu zusammensetzten und wieder neu gemischt werden. Mittel zum Zweck ist hier vor allem das sehr präsente Bassspiel von Stefan Diessner und Ullrich Kalliske, die sich an Bass und Gitarre abwechseln. Doch auch Schlagzeuger Kristof Künssler variiert zuweilen fintenreich, dass ein stimmiger, zuweilen etwas zu stimmiger Gesamteindruck entsteht. Ein paar Kanten dürfen sein, wie bei "Find It At The Bottom Of The Lake" mit seiner spannenden choralen Linienführung oder der Single "MUYM", die Sotzko und Kumpanen verdächtig nah an frühe 80er-Jahre-Tristesse heranführt.

Doch lässt The Dropout Patrol insgesamt auch einige Wünsche nur angerissen, ist deren Album doch ein mehr als erfreuliches und vor allem persönliches Erlebnis, dass im November bei schattenden Grautönen sicherlich noch viel intensiver wirkt.

Donnerstag, 16. August 2012

Heyward Howkins

Noch'n Lied.

Das. Nur das! So. Genauso! Und eigentlich immer besser werdend. Wovon ich hier spreche? Heyward Howkins. Und warum? Weil sein Album "The Hale & Hearty" Spaß macht, zum Nachdenken anregt, genau die richtige Menge an dunklen Facetten bereit hält, um dem Bänkelsänger Freude zu bringen und vor allem eins ist: sehr sehr gut.

Mit einigen, zuweilen durchaus namhaften musikalischen Meriten gesegnet und einer choralen Vergangenheit behaftet, versteht man das Soloalbum des Amerikaners so ziemlich auf Anhieb. Folk, der auf der einen Seite die samtene Bettschwere der britischen Barden birgt, auf der anderen Seite aber auch rauh und borstig wirkt und sich zuweilen amerikanischer Hobo-Mentalität annähert. Howkins ist darüber Sänger genug, um den zuweilen kantigen Stücken Fluss und Linie zu geben, vielmehr fusioniert er seine helle Stimme aber mit unterschiedlichsten Gitarrenvarianten, dass allein daraus ein veritabler Mikrokosmos entshen könnte.

Doch davon nicht genug, allein Produzent Chet Delcampo steuert noch einen ganzen Banzen weiterer Melodiezaubergeräte hinzu und schaut man sich die Auflistung aller vorkommenden Instrumente auf der bandcamp-Seite an, bekommt man einen ziemlich guten Eindruck vermittelt, was Howkins auf "The Hale & Hearty" zelebriert. Interessantestes Merkmal ist häufig die verstärkte Akustikgitarre, die Rhythmusgeber, Perkussionsgerät und Klangraum gleichzeitig ist und klar die Marschrichtung vorgibt. Hierbei erstaunt es zuweilen, wie leichtfüßig Themen, Melodien und Rhythmen mal eben von unten nach oben gekehrt werden, gerne auch unter Zuhilfenahme vom übrigen Instrumentarium. Beispiel hier ist das variable "The Raucous  Calls Of The Morning" aber auch das in auffälligem Beinahesprechsingsang vorgetragene "Spanish Moss" überrascht mit Vielfalt und trotzdem größtmöglicher Eingängigkeit. 

Zuweilen kommt es zu fast schon traditionellem Songwriting, vor allem wenn wie bei "Flash Mob" mit Steicherdopplungen gearbeitet wird, doch eigentlich dauert fast nur weitere 30 Sekunden, dann wird aus dem schlichten Folksong ein trickreicher Popsong, der trotz allem nicht angestrengt wirkt. Da kommt einem Damien Jurado in den Sinn, der auf seinen letzten Alben ähnlich abwechslungsreich, aber dann doch weniger vordergründig vorgeht, bei Howkins erscheinen viele Songs eben wie spontane Einfälle, was manchmal zu Lasten des Flusses geht, der zum Beispiel beim ebenfalls ähnelnden Jens Lekman viel seltener gebrochen wird.

Heyward Howkins macht aber auf "The Hale & Hearty" viel zu viel richtig, als dass man hier ernsthafte Kritik äußern müsste, und da sich ja nach dem aktuellen Zwischensommerhoch auch wieder Herbstfarben aufdrängen werden, darf man dem Album gerne einen Platz für die gemütlichen Balkon/Terrasse/Kuscheldecke/Kamin/Rotwein/Tee-Abende reservieren. Funtioniert aber jetzt genauso gut! 


 




Samstag, 11. August 2012

Bretterbauer



Rio, Selig, Finkenauer.

Ob dass den vier Jungs von Bretterbauer wohl eher weh tut oder freut, wenn sie die ersten drei aufkommenden Assoziationen mit ihrem am 17.08.12 via Global Satellite erscheinenden Album "Bretterbauer" hier nachlesen?
Sicherlich weniger, wenn sie wüssten, dass alle drei für den Bänkelsänger eine gewisse Relevanz nach sich ziehen und auf jeden Fall wohlmeinend, denn vergleichend oder gar kritisierend verstanden werden sollen. Doch genug der Vorrede, hier soll es schließlich um das Album an sich gehen. 

Bretterbauer kommen aus Österreich und sind zunächst mal ganz schön laut. Indie-Rock (ohne Folk) ohne große Schnörkel, dafür mit Schlenkern in Synth- und Wavegefilde, der fast immer knochentrocken, aber nicht ohne Esprit daherkommt. So fangen "SVA" und die Single "Dörte" (die man sich hier frei downloaden kann) ziemlich roh und gewaltig an, verblüffen aber mit Texten, die ironisch und ehrlich zugleich wirken und darüber hinaus eben an die lyrischen Sprenkel eines Jan Plewka erinnern. Die Stimme von Jakob Bretterbauer erinnert zuweilen auch eben an jenen, doch größter Einfluss ist sicherlich der alles überstrahlende Rio Reiser. Mal kehlig, mal nölig, doch immer auf den Punkt wie im gradlinigen "Komm näher" oder im textlich herausragenden "Schauspieler". 

Besonders auffällig sind aber die Stücke, die sich eben mal nicht die volle Breitseite geben. Da drängt sich das tolle "No. 1" in den Vordergrund, und das erinnert eben an das herausragende letzte Album "Finkenauers", immer eine Spur daneben liegend und dennoch so pointiert wie möglich nach vorne stürmen.
 Dass das Album mit seinen insgesamt 14 Stücken zuweilen ganz schön fordert und aufgrund der zur Schau gestellten Lautstärke manchmal auch die Grenzen überschreitet, mag ein Manko sein, man muss es ja aber auch nicht immer am Stück hören. Wenn man sich dann aber schon die Rosinen herauspickt, sollte der Griff aber zum einen auf jeden Fall zu "Stille Raucher" gehen, dass das Album fast schon realphilosopisch abschließt, zuvor gilt es aber auch noch der rauh-rauchigen Version des Ton Steine Scherben-Klassikers "Wir müssen hier raus" ein Ohr zu leihen, denn so schön hat sich zu Reiser-Texten schon lange kein Hinterground-Keyboard mehr für heimliche Hitmomente empfohlen.

Bretterbauer können ganz schön viel und das ganz schön laut. Die Dosierung ist ganz schön üppig, daher wäre eine Feinjustierung auf Dauer sicherlich keine schlechte Idee, für den Moment ist's aber sehr gelungen.


 






Mittwoch, 8. August 2012

Mandrax Icon



Bänkeln auf Portugiesisch.

Es ist doch immer wieder überraschend aus welcher Herren Länder sich inzwischen nette Promoanfragen auf dem hiesigen Schreibtisch einfinden. Portugal hatten wir noch nicht so häufig, daher habe ich mich schon ganz schön über die Anfrage des neuen Label Nostril Records gefragt und gespannt den ersten Klängen von Mandrax Icon gelauscht.

Mandrax Icon ist Márcio da Cunha und hat mit "Mary Climbed The Ladder For the Sun" ein hübsches, fast schon aufreizend traditionelles Songwriteralbum aufgenommen, dass wahlweise britische und amerikanische Historie atmet und vor allem vom variablen Gitarrenspiel des Musikers lebt.

Immer zwischen Lagerfeuer und Waldhüttenromantik, doch nicht hoffnungslos verklärt versucht sich da Cunha als Geschichtenerzähler und lässt sich dabei auch immer wieder von Mitmusikern unterstützten. Wenn sich jedoch kurz vor Schluß dass wundervolle "The Phoenix Shall Rise" aus dem Album erhebt und der Sänger mit Crooner-Stimme zu schlichten Gitarrenakkorden beginnt, bekommt "Mary Climbed The Ladder For The Sun" noch mal ein ganz besonders Moment. Natürlich sorgen hier auch zum Ende hin Violine und Flöte für anheimelnde Momente, doch ist Mandrax Icon am stärsten wenn er wirklich nur mit seiner Stimme und der begleitenden Gitarre vom Wüten der Welt erzählt.

Er variiert hierbei und lässt den Stücken auch schon mal epische Breite, dass abschließende "Sand Of Time" entfaltet sich zum Beispiel nur mählich, konzentriert sich weitestgehend auf das pendelnde Picking des Musikers, der seine Vorbilder in der Hinsicht auch gerne bei John Fahey oder Jack Rose sucht. Das merkt man dem Album durchaus an, immer dann wenn die instrumentalen Momente überwiegen, fühlt es sich wie ein Sog an, dem es sich nicht so einfach zu entziehen vermag. 

Doch auch die weniger komplexen Stücke des Albums überzeugen durch die feine Spannung, die sie durchzieht. Ob das eröffenende "Dead Joy", dass an die ebenfalls portugiesischen A Jigsaw erinnert, das nach vorne treibende "Ginger Eyes", dass sich aber auch gerne in bluesige Geflide zurückschleppen lässt oder das fingerfertige Titelstück, Mandrax Icon bedient eine ganze Reihe von Facetten, denen man auf jeden Fall mal mehr Aufmerksamkeit schenken sollte. Da tolle daran ist: Digital darf man sich das Album via bandcamp kostenlos herunterladen. Wer sich alsdo nur einen Hauch für ein wirklich ansprechendes Songwriter-Debut interessiert, darf dem spannenden Musiker gerne ein Ohr schenken.

Mittwoch, 1. August 2012

My monthly Mixtape: August


Surreal ist er schon dieser Sommer. Wechsel- und sprunghaft sowieso und eigentlich ist er ja auch gar keiner. Gut, dass auf dem Mixtape schon mal ein wenig Herbstluft geschnuppert wird und sich unter anderem Vorboten der Alben der Mountain Goats und Jonas Carping versammelt haben. Dazu kommen ein musikalischer Hörbuchauszug aus Australien, ein leichthin Selbstmord-Song genanntes Cover des wohl besten Folkcrooners diesen Jahres, diesere Pop- und Post-Punk-Hymnen garstigster Machart und und und... Man suche sich seinen persönlichen Favoriten und lausche der eklektischen Mischung mit der ihr geboteten Ehrfurcht:

01. Lawrence Arabia - Travelling Shoes
02. Joshua Hyslop - Hallelujah
03. Grand Salvo - The story of May 20th, 1929
04. Jonas Carping - Sideways
05. Strand Of Oaks - Last Grains
06. Dusted - (Into the) Atmosphere
07. Skinny Lister - Trawlerman
08. The Mountain Goats - Cry for Judas
09. Matt Elliott - Gloomy Sunday
10. Frank Ocean - Bad Religion
11. Sam Reynolds - Row Your Boat
12. Mothlite - Seeing in the Dark
13. Wymond Miles - Run Like the Hunted
14. The View - Bunker (Solid Ground)
15. The Gaslight Anthem - Howl
16. The Blue Angel lounge - Ewig
17. Holograms - Monolith
18. Graveyard Train - I'm Gone
19. The Felice Brothers - Panther at the Zoo
20. The Daredevil Christopher Wright - The Animal of Choice



NB: Ich weiß ich schwächle ein wenig, doch ich gelobe Besserung, dass dieses und auch die bislang noch nicht hörbar gemachten Mixtapes ihren Weg auf das "Radio der von Neil Young Getöteten" finden.

Sonntag, 29. Juli 2012

Um Ecken und über Kanten: Craig M Clarke

Um Ecken und über Kanten wird mal wieder ein neues Kapitel auf dem Bänkelsänger und soll wie im letzten September schon mal angetestet, musikalische Erstkontakte mit spotanen Gedankenexplosionen beschreiben. Recht so?

 


Manchmal.

Kein Folk. Kein Country. Kein Irgendetwas.

Dunkel. Verstörend. Gehemmt In Melodie. Fordernd Im Rhythmus. Wenig Fluss. Gebrochen. Zerbrochen.

Experimentiell. Beweglich. Kopfkino. Wohin?

Puzzle. Samples. Sammelsurium. Panoptikum. Pop?

Verzerrt. Elektronisch und Kalt. Wagemutig. Avantgarde.

Romantische Kühle. Trockene Wärme.               Sinnhaft auf der Suche nach Klängen.

                Nach Vorne Treibend. Am Platz Bleiben. Sprachfetzen.

 Dunkelheit Mit Stroboskopartigem Aufblitzen. Maschinell.                       Industrielles Scheppern.

    Kein Pop? Wild. Wohin. 

   Kein Vergleich. Doch Annäherung. Closer = Here I Go Again. NIN.

    Ist Das Noch Schlichtes Songwriting Oder Musikalischer Dekonstruktivismus?

                      Craig M Clarke - Here I Go Again. Anstrengend, Aber Lohnend.

Doch: Kein Folk. Kein Country.

                                                                                            Postmoderne Moritaten. 




 "Here I Go Again" von Craig M Clarke wird am 06.08.2012 über Raw Onion Records veröffentlicht.


Mittwoch, 25. Juli 2012

Boho Dancer




Freak-Folk auf skandinavisch?


Sie heißen Ida, Símun und Asker. Sie spielen alle drei Gitarre, singen können sie auch, die Jungs steuern zusätzlich noch Schlagzeug und Bass bei. Klingt simpel, ist es aber nicht. Denn die drei Musiker alias Boho Dancer verknüpfen die Tugenden nordischer Melancholie gekonnt mit pastellener Folkseligkeit und kraftvoller Dramaturgie. 

Die ersten fünf daraus entstanden Songs werden nun als "Furry Skin" EP am 10.08.2012 bei SlowsharkRecords veröffentlicht, nachdem die dänische Heimat bereits im Frühjahr beglückt wurde.  Mit viel Phantasie entwerfen Boho Dancer bildhafte Momente, die mit vielerlei Emotionen gespickt trotzdem immer Bodenhaftung behalten. Ob beim verwaschenen, mit allerlei Bläsern und Schellenkranz angereicherten "Pistols", das binnen seiner sechs Minuten von Höhepunkt zu Höhepunkt schreitet und sich immer mal wieder rhythmische Auszeiten gönnt. Ida Wenøe nimmt die zuweilen verhallende Dezenz ihrer Stimme ernst und führt den Song in Gefilde, die unfassbar erscheinen und doch so nah klingen. Auch das folgende "Only A Tale" verfolgt ähnliche Strategien, ist aber fordernder, aufmüpfiger und durch die Klagelaute im Hintergrund auch aussergewöhnlicher. Spätestens wenn im zweiten Teil mehr Vehemenz ins Spiel kommt, neigt sich fast eine gewisse Tanzbarkeit ins Blickfeld, die sich aber genauso schnell wieder legt und somit die ruhigen Wege zum verschlugenen "Good Vibrations" legt. Hier lässt sich Wenøe von knurrenden Streichern umfangen und mäandert mit Gleichmut und fordernder Bestimmtheit durch das immer trickreichere Perkussionsgeäst, das an den fabelhaften DM Stith erinnert. 

Doch kehren wir noch einmal an den Anfang zurück. Allein das titelgebende "Furry Skin" leitet die EP so erwartungsschürend ein, dass die Entscheidung zugunsten zu Berge stehender Nackenhaare oder wohliger Gänsehautschaue nicht immer ganz einfach ist. Wer leitet schon so erhaben mit gedoppeltem Frauenchor ein und rudert dann so entspannt zurück (und lässt dabei ein ums andere Mal an Stina Nordenstam denken). Auch hier drängen sich so viele einfache, aber in ihrem Zusammenklang von Organ, Perkussion und Saitenklang komplexe Versatzstücke in und durch den Raum, dass ein vor Staunen offener Mund kein Zufall sein muss. Wenn das jetzt alles noch nicht neugierig genug gemacht hat, sollte die Single "Me & Your God" für den Rest sorgen, hier darf auch mal ein wenig lauter gelärmt werden und trotzdem wird ein gewisser Grad an Zärtlichkeit nie unterschritten. 

Man soll nicht, man muss Boho Dancer auf dem Zettel haben, wenn es um neue Wege für Folkmusik geht. Die oben genannte Schublade mag ich jetzt aber gar nicht ganz aufmachen, denn dann passt nur die Hälfte des Kopenhagener Trios rein. Einigen wir uns auf tolle Musiker, die "einfach schöne Lieder" machen und somit ganz tief im Herz des Bänkelsängers einen Platz gefunden haben.

Montag, 23. Juli 2012

Aufgemerkt: Fünf auf einen Streich



Ist es nicht schön, wenn Gutes wiederkommt. 

Fünf erlesene, bereits in der Vergangenheit mit Blogbeiträgen oder Mixtapeteilnahmen gewürdigte Künstler und Bands schicken sich an, des Bänkelsängers' Spätsommer und Herbst zu versüßen. Werfen wir einen Blick und leihen nach Möglichkeit beide Ohren den kostbaren Melodien:


Zunächst ist da Strand Of Oaks alias Timothy Showalter, dessen Zweitling "Pope Killdragon" 2010 zu den erklärten Lieblingen gehört hat. Nach einem etwas sonderbaren Tributebeitrag findet er aber wieder zu alter Stärke zurück und zeigt uns auf dem morgen schon digital veröffentlichten Album "Dark Shores" eine ganze Reihe neuer Facetten. Via bandcamp darf man kaufen und downloaden, hier darf man bereits lauschen:

 

Wenig konventioneller, doch mindestens genauso intensiv wirds sicherlich wieder bei Dylan LeBlanc, dessen Debut "Paupers Field" vor ebenfalls 2 Jahren auf mindestens genau so große Gegeneliebe stieß. "Cast The Same Old Shadow" heißt sein neues am 20.08.12 erscheinendes Album und das herrliche "Part One: The End" verspricht eine ganze Menge:


Ein wenig verwunschener, jedoch fokussierter als das inzwischen zweieinhalb Jahre alte "Spirit Guides" scheint, glaubt man dem ersten Vorboten, "Spectral Dusk" von Evening Hymns zu werden. Kanadas feine Adresse für waidwunden Folk schickt das abenteuerliche "Arrows" ins Rennen und landet einen kapriziösen, ambienten Hit:



Und noch mal Kanada! Die artverwandeten, jedoch erdigen The Wilderness Of Manitoba kommen gleich mit einem Doppelpack um die Ecke, zunächst morgen die EP "Delaware House", dann gibts im September bereits Albumnachschub mit "Island Of Echoes". Glaubt man dem aktuellen Video zur EP geht es allerdings dieses mal ein wenig traditioneller voran als auf dem letzten Album "When You Left The Fire"



Mit dem knorrig-trocken-magischen Songwriter Sean Rowe lässt sich der Abschluss leicht gestalten, war doch sein letztes, in Deutschland erst sehr spät veröffentlichtes Album "Magic"  ein echtes Behaglichkeitswerk. Der erste Vorgeschmack aufs neue Album weist in ähnliche Richtung und doch glaube ich, das "The Salesman And The Shark" deutlich kraftvoller wird. Den Vorgeschmack gibts aktuell exklusiv bei American Songwriter, ein kleines Schmankerl ist die Livefassung von "So Long, Marianne" zusammen mit den neoklassisch angehauchten Folkern von Lost In The Trees von vor einem Jahr (da es leider noch kein Vorabvideo gibt):


Dienstag, 17. Juli 2012

Todd Hoover

Ein bisschen Geist.

Puh, ist das jetzt schwierig. Denn der Bänkelsänger tut sich dann doch ein wenig schwer mit allzuviel christlichem Einfluss, doch irgendetwas haben die 9 "Songs" des Albums "The Whole Spirit: Redemption Songs" des amerikanischen Songwriters Todd Hoover an sich.

Manchmal total überbordend, manchmal tief kontemplativ. Dämmernd. Himmelhochjauchzend. Seelenvoll. Insichversunken. Jubilierend. Frohlockend. Kathartisch. Hymnisch. Es ist schwierig für das mitteleuropäische Ohr sich an den musikalisch abwechslungsreichen und in großen Teilen vorzüglichen Folkweisen erfreuen und gleichermaßen die christliche und fromme Grundstimmung der Texte in sich aufzunehmen. Gott und Glaube spielen tragende Rollen, die Hoover auch gar nicht verschleiert, offenkundig und vor allem offenbar wird man Zeuge von tiefer Zuneigung und ergriffener Spiritualität.

Der Beginn von "The Whole Spirit" zeichnet sich hierbei durch kraftvolle Mitmachlieder aus, die mit Inbrunst, voller Kehle und einer ganzen Reihe an Instrumenten und Stimmen zum Besten gegeben wird, ein wenig fällt der Gemeindegesang à la Sacred Harp bei Cold Mountain ins Gedächtnis, doch hier überwiegt ein latent modernerer Klang.

Höhepunkt des Album ist eindeutig die nahezu 11 Minuten dauernde Meditation "Death", die mit Verlaub eine Art christlichen Post-Rock postuliert und doch mit dem anfänglich weichen Pianoanschlag weniger nach Tod denn nach Seelenheil klingt. Doch mit fortschreitender Dauer setzt ein klanglicher Verfall ein, der mit mählich schneidender Violine und dem Hang zur Dissonanz waidwund und starr erscheint. 

Doch auch die folgende "Resurrection" findet eher besinnliche denn triumphale Klänge, selbst das Ende mit seinen duettierenden Sängern funkelt eher verhalten. Todd Hoover fängt einen Kreislauf des Glaubens in einfachen Bildern ein und vollzieht doch eine musikalische Rundreise erster Güte. Das Pendeln nach englischer Folkart in "After The Dragon Dies" gehört hierzu genauso wie das feinharmonische Frage- und Antwortspiel bei "Working/Waiting" und die abschließende "Doxology".

Es bleibt schwierig, doch wenn sich die spirituell-christliche Fabulierwelt ein wenig im Hintergrund hält, fasst man mit Hoovers Album ein kleines Folkalbum an der Hand und kann sich durchaus mitreissen lassen. Ich überlasse es hier allerdings jedem selbst, sich die musikalischen gebetsähnlichen Texte einzudenken, wenn's allein die Musik richtet, ist das allerdings auch nicht verkehrt.

Beispiel (das ganze Album!) gefällig?



Sonntag, 15. Juli 2012

Stead



Selbstmachfolk.

Der Name klingt zwar nach Musik, jedoch: Erwartet man bei Stefano Antoci D'Agostino zwangläufig zerbrechlichen Lo-Fi-Folk? So ist die Überraschung durchaus groß, wenn sich die ersten Klänge von "Colors" dem Opener des Debutalbums "Rough" ganz beschaulich im Raum ausbreiten und sich doch nicht ganz einfach verdauen lassen. Eine ganze Reihe von Brüchen nutzt der unter dem Moniker Stead auftretende Wahllondoner mit sizialianischen Wurzeln, um den 8 Stücken eine sehr eigene, meist nicht ganz eindeutige Linie zu verpassen.

So klingt "Wheeler Dealer" ein wenig nach einem wenig ausformulierten Demo, das flüchtig an Ed Harcourt erinnert und "Another Me" wandert auf den Spuren der neuen englischen Songwriter-Szene. Das eingängie "Instead" wiederum funktioniert genau andersherum und wirkt aufgrund der Streichereinfassung reif, gediegen und trotz der kratzigen Stimme D'Agostinos warm und umarmend. 

Es ist nicht immer einfach, den eigentlich gar nicht so komplexen Songs sofort folgen zu können, verwischt Stead die den einen Song umfassende Stimmung mit einem gekonnten Streich, um beim nächsten Song noch schlichter, noch beseelter oder wie im Fall der aktuellen Single "Repetitive" noch eingängier zu erscheinen. Es bleibt hier im Übrigen zu überlegen, ob der beginnende Chorus nicht auch einen Hauch "Daughter" von Pearl Jam (allerdings in sehr leiser Variante) in sich trägt. Kaum ist der letzte wohlmeinende Akkord verklungen, nimmt sich D'Agostino für "29 Times" den irischen Songwriter Dave Muldoon zur Seite und ein leicht hektisch irrlichterndes Kabinettstückchen mit versetztem Sprechsingsang kommt zu voller Blüte. Doch damit nicht genug, denn auch der letzte Akt wird mit Unterstützung bestritten, Guilano Dottori, ebenfalls Songwriter und Landsmann D'Agostinos hilft "Giuggiulena" einen verhalten psychedelischen Anstrich zu verpassen und so sorgen beide für einen sehr gesetzten, aber auch passenden Abschluß des regulären Albums.

Regulär? Jawohl, denn "Rough" gibt es auch noch als "Rough Out"-Version, die mit zahlreichen Outtakes, Demos und sonstigem unveröffentlichten material mindestens noch mal genauso abwechslungsreich ist und einen Weg beschreitet, der für ein Debut höchst ungewöhnlich aber um so lobenswerter erscheint.

Hier gibt was zu sehen:

Repetitive - Stead from Lino Palena on Vimeo.


Samstag, 7. Juli 2012

Jonas Carping



Zittern und Beben.

Manchmal braucht es nur ein paar Sekunden. Bei "Underground" ist das so. Und bei "Sideways". Und bei den beiden anderen Stücken auf der Underground EP von Jonas Carping ebenfalls, die er als Vorbote für das im September erscheinende Debut "All The Time In The World" veröffentlicht hat.

Folk in beherrschter Hingabe, stimmlich gesegnet und musikalisch beseelt. Geschichten, die Gedanken schweifen lassen, mit sonorem Klang vorgetragen, lieblich, jedoch immer mit den richtigen Akzenten. Wie wenn bei "Whatever Nevermind" die Mundharmonika den Schweden zum Stelldichein bittet oder das mollene Gitarrenintro bei "Märk hur vår skugga", den Ton des in Schweden gerne als Begräbnisstück genutzten Werkes unterstützt. 

Doch Carping setzt den Höhepunkt ganz bewußt an den Anfang und fängt seine Hörer schon ganz früh ein. Mit Streicherdramatik, die nie aufgesetzt wirkt, mit traditionellem Songwriting, mit dezentem Hintergrundchor. "And If You Leave Me Now, Don't Leave Me Underground", singt er mit verhaltenener Inbrunst und steigert sich während der folgenden dreieinhalb Minuten in sein Schicksal hinein, das er im folgenden "Sideways" wieder zurücknimmt und dem Stück seine benötigte Leichtigkeit zurückgibt.

Man muss Carping im Auge behalten, denn der junge Schwede entpuppt sich bereits auf diesem ersten selbstveröffentlichten Tonträger als legitimer Anwärter auf den Songwriterthron 2012. Und wer es gar nicht abwarten kann, das komplette Album gibt's auch schon als soundcloud-Stream hier zu hören (und wird in Zukunft sicherlich auch noch mal vom Bänkelsänger genauer unter die Lupe genommen).

Hier gibt's aber erstmal das übliche Hörvideo zur Einstimmung:

 

Donnerstag, 5. Juli 2012

Im Schnelldurchlauf: 4x Schneewittchen



Nicht eins, nicht zwei, nicht drei...gleich vier hübsche (Neu-)Vorstellungen gilt es heute ans Herz zu legen, die zum einen unterschiedlicher nicht sein können, zweitens allesamt über Snowhite beworben (Danke, Anne) werden, drittens zum Teil schon ein paar Monate auf dem Buckel haben und viertens von Garagenrock über epischen Bombast und Killers-Attitude bis hin zu feingesponnenem hintersinnigen Humor alle Hebel ziehen, um ein buntgemischtes Programm zu malen. Gespannt? Na dann man los!

Beginnen wir mit dem untypischten Vertreter auf dem Bänkelsänger und lassen uns auf kreativ-kultivierten Indierock im urbanen Glitzerfummel ein: The Knights machen im 10. Jahr Bandgeschichte ihr Killers-Album und fangen gleich zu Beginn mit "Webster" ziemlich fulminant an. Aber auch die Hollywood-Visionen "Woody Allen" und "Scarlett Red" wissen mit Tempo, Esprit und gezügelter Ungezügeltheit zu überzeugen. "Pardon My Riot" ist am 15.06.2012 über das eigene Label "Boogie Knights Records" erschienen und versüßt den sommerlichen Discogang. Ein wenig Abwechslung hätte den 13 Songs ganz gut getan, so reicht es aber zumindest für mehrere durchzappelte Nächte.

Zweimal darf auch noch live gegroovt werden:

11.08.2012 Uetersen − Rock'n'Rose Festival, DE
17.08.2012 Hamburg − Wutzrock, DE

 Den Woody gibt's hier zum freien Download, ausserdem ist hier noch das entsprechende Video:


Musikalische Ausdrucksstärke, irgendwo im Niemandsland zwischen nervösem Post-Punk à la Cult Of Youth trifft auf episch vor sich hin mäandernden psychedelisch angehauchten Rock im Cinemascopeformat. "Ewig" heißt die neue EP von The Blue Angel Lounge aus Hagen und ist ebenfalls am 15.06.2012 via 8MM erschienen. Die brachiale Gewalt des Debutalbums "Narcotica" bekam noch mal ein wenig Feintuning, die 80er-Jahre-Tristesse etwas mehr Intensität so dass vor allem das formvollendete "In Distance Far Away From Me" sehr zu überzeugen weiß. Und "Ewig" jammert so herrlich auf Deutsch vor sich hin, dass man ihm jetzt schon einen Platz im eiskalten Herzen reservieren muss.

"In Distance" gibt's hier frei erhältlich, als weiterer Geschmacksträger fungiert das Video:



Ganz ohne folkinfizierte Musik geht aber auch nicht dieser Schnelldurchlauf über die Bühne. Thomas Baumhof war früher mal bei Subterfuge und nennt sich jetzt Ponyboy And Lovely Jeanny. Mit diversen Gastmusikern macht er herzzerreißende, augenzwinkernde, ironische, zynische, melancholische und immer sehr wahre Musik, sein Debut "The Life And Death Of Ponyboy" beweist das 13mal auf vorzügliche Art und Weise. Bereits am 18.05.12 via Snowhite erschienen, kratzt es mal am leiernden Dixieland wie bei "Hey There How Are You Doing", entwirft feine Tweepopskizzen in "Monika Finkelstein" und ist sowieso ein extrem relaxter Gitarrist, wie man "Winnetou" und der bald folgenden zweiten Single "Buffalo" wunderbar anhören kann. Ein wenig zerklüftet ist das Ganze noch, doch insgesamt ist es ein mehr als überzeugendes Solodebut.


Ganz frisch ist die EP "Supernatural" des grantig-grazilen Mädelstrios Velvet Two Stripes. 5 Stücke, pickepackevoll mit herrlich rotzigen Garagenrockern irgendwo zwischen den White Stripes, den Kills, den Ramones und und und. Am 29.06.12 über Snowhite in den Äther gepustet, bersten hier ganze Sturzbäche voller Energie, was man an den prachtvoll dahingebratzten Gitarren bei "Bottleneck" und dem bellenden "Hellhound" einwandfrei erkennen kann. Die drei Schweizerinnen machen keine halben Sachen, auch wenn die Songs manchmal ein wenig zu kopiert klingen (man beachte das Gitarrenintro bei "Bottleneck und klopfe bei Jack White an), aber Spaß macht "Supernatural" fast immer.

Live gibt's ein paar Festivals an die Hand:

28.07.2012 Butschwill − Openair Bütschwill, CH
04.08.2012 Thusis − Openair Hohen Rätien, CH
08.09.2012 Greifensee − Openair am Greifensee, CH 

Auf die Ohren (und Augen) das entsprechende Video:

 

Mittwoch, 4. Juli 2012

My monthly Mixtape: Juli



Zwei auf einen Streich. 
Heute morgen die Hitparade, zum Abend hin das neue Mixtape. Sommerliche Grandezza und kühne Gelassenheit kennzeichnen diese Ausgabe, die von Gisbert'schem Songwriterpop über vertracktes Sounddesign im Sinne David Byrnes hin zu den auf dem Bänkelsänger so gern zitierten 60s-Folk-Psychedelia à la Incredible String Band. Dazu werden einige flüchtige Garagenrocker, ein wenig Twee und einer der besten Popsongs des Jahres gereicht, auf dass noch Zeit ist für urbane Hitze, kühlen Ambient-Folk und Kunstlieder in künstlichem Englisch. Man höre und staune:

01. Staring Girl - Die Guten Gedanken
02. Jonas Carping - Underground
03. The Walkmen - Love Is Luck
04. Phantom Ghost - Dr. Schaden Freud
05. Dirty Projectors - Gun Has No Trigger
06. Sons of Noel and Adrian - Jellyfish Bloom
07. Wymond Miles - Youth's Lonely Wilderness
08. The Kabeedies - Elizabeth
09. Ponyboy And Lovely Jeannie - Monica Finkelstein
10. The Hundred In The Hands - Empty Stations
11. Fiona Apple - Periphery
12. The Welcome Wagon - Would You Come and See Me in New York
13. Neil Young & Crazy Horse - Jesus' Chariot
14. Velvet Two Stripes - Bottleneck
15. Chain and the Gang - Free Will
16. Danielle Ate The Sandwich - Evolution
17. Crystal Shipsss - Smile
18. Annelies Monseré - All Things Are Quite Silent I

Ein Songbeispiel darf nicht fehlen:


...das Juni-Mixtape ist erst kürzlich zum ersten Mal beim "Radio der von Neil Young Getöteten" erschallt, daher wird es noch ein wenig dauern, bis sich diese Zusammenstellung dort hören lassen kann, was nun nicht heißen soll, dass dem übrigen Programm kein Ohr geliehen werden sollte.


Hitparade 2012 - Vol. 2



So, der Kurzurlaub erledigt, schnell noch ein paar Hochkaräter in die Ohrmuscheln gestopft, jetzt darf es dann auch gerne wieder eine neue Hitparade geben. Wie immer versuche ich den Alben eine geschmackvolle Reihenfolge an die Hand zu geben, den Songs liegt als einzige Ordnung eine Willkür zu Grunde, die nur dadurch strigent wird, dass sich die Beteiligten nicht auf der zuvorderen Albumliste befinden. Klar?

1. The Walkmen - Heaven
2. Michael Kiwanuka - Home Again
3. Crybaby - Crybaby
4. Matt - Elliott - The Broken Man
5. Felix Meyer - Erste Liebe/Letzter Tanz
6. Exitmusic - Passage
7. Alcest - Les Voyages De L'Âme
8. Forest & Crispian - Morgenlands
9. Wymond Miles - Under The Pale Moon
10. Shearwater - Animal Joy
11. Jack White - Blunderbuss
12. Staring Girl - 7 Stunden und 40 Minuten
13. Anais Mitchell - Young Man In America
14. Father John Misty - Fear Fun
15. A Whisper In The Noise - To Forget
16. Perfume Genius - Put Your Back N2 It
17. The Hundred In The Hands - Red Night
18. Jim Moraxy - Skulk
19. Ulver - Childhood's End
20. Damien Jurado - Maraqopa

und hier die Lieder:

L.A. - Over And Over
Ben Schadow - Einer Aus Stolz, einer aus Scham
Schoenholz - 3011
Kassidy - One Man Army
Jesca Hoop - Born To
Daugn Gibson - Tiffany Lou
Joel Alme - If She Ever Knew
Jonas Carping - Underground
Dirty Projectors - Gun Has No Trigger
Sons Of Noel & Adrian - Jellyfish Bloom

Fehlt noch der Hinweis auf weitere Listen bei AUFTOUREN und der obligate Ohrenöffner (den die Facebook-Gemeinde zwar schon kennt, sie sich aber genauso wie das hiesige Publikum nicht wundern muss, wenn das zugehörige Album in diesem Jahr noch eine gehörige Rolle spielen wird):

 

 


Sonntag, 24. Juni 2012

Lauschbilder - II


Es setzt sich fort! Ich kann eine neue Ausgabe von Lauschbildern präsentieren. Genau wie beim letzten Mal ist die Auswahl willkürlich, ungeordnet und vor allem der Originalität, Qualität und dem Erfindungsreichtum der Musiker und Videokünstler geschuldet. Vorgang und Augen also auf und gehen sie bitte nicht weiter, denn hier gibt es was zu sehen:

Am Einfachsten startet man mit Bewährtem, und wie es der Zufall will, haben Lady Lützen und Jarno Vasted alias Straight From The Harp auch für diese Lauschbilder-Ausgabe ein Video parat. "Mon Homme" ist die zweite Single vom zweiten und just dieser Tage veröffentlichten Album "I'm On Fire Just For You" und mindestens so toll wie das vorangegangene "GoGoGoGoGo". Man höre und genieße die Farbenpracht:


Schon ein wenig älter, nämlich aus dem Februar ist "Don't Take That Flight" von Labrador Labratories, die Wurzeln in Israel, Serbien und San Francisco haben. Eine witzige Idee peppt den kleinen feinen Folksong auf, der sicherlich ein schmackhafter Vorbote für das dritte Album ist.

 

Ein Video mit tänzerischer und wichtiger Botschaft kommt wiederum von Glass Child alias Charlotte Eriksson. Wenn man wie bei "I'll Never Tell" so poetisch und doch so realistisch auf häusliche Gewalt hinweist und gleichzeitig einen feinen Song abliefert, ist dass dem Bänkelsänger immer einen Beitrag wert.


Und dann noch was ganz anderes. WAS. Und ihr irgendwo zwischen Neofolk, Expressionismus und morbidem Songwritertum auffindbares "Toter Weißer Rabe":





Donnerstag, 21. Juni 2012

Staring Girl



"Bitte warte auf die guten Gedanken und dann halte den Kopf still, damit sie nicht verwackeln" 

Huch, Lyrik! Und dann auch noch so gegenwärtig gegenständlich. Staring Girl aus dem Norden Deutschlands (Hamburg, Kiel) sagen was sie denken und musizieren geschickt darum herum. Hat da jemand Kettcar gesagt? Oder Gisbert zu Knyphausen? Oder Moritz Krämer? Oder...? Wieder so eine schluffige Indie-Combo, die auf den Zug des melancholischen Popsongs aufspringt, ganz ordentlich aussieht und dabei Musik macht, die gleichermaßen nachdenklich und aufrüttelnd klingt? 

Staring Girl können da doch schon eine ganze Menge mehr. Zum einen schmiegen sich die kleinen Songs wie Handschmeichler ganz nah an eigene Gewohnheiten heran und Sänger Steffen Nibbe mit dem, ja was wohl, zu-Knyphausen-Timbre durchleuchtet Regen und Nacht um eng und dicht heranzukommen, an die schon erwähnten guten Gedanken. Die bösen Worte stehen hinter seinen Zähnen schließlich Schlange, denn Nibbe ist keiner von den plaktiven Predigern, er ist realisitischer Feingeist und genau davon handeln auch die zehn kleinen Alltagsgeschichten auf "7 Stunden und 40 Minuten", die Anfang des Monats bei K&F Records eingefangen worden sind. 

Momente, besser eingefangen als auf jedem Instagram-Schnappschnuss werden zu Geschichten, zu Gedankenspielen, die sich von den behaglichen Folk- und Alt-Country-Elementen im Indiepop der Hamburger Musiker einwickeln lassen. "Machen, tun, bewegen und eine Reihe Rücken am Tresen" heißt es in "Vorhänge" dass hiermit genau so ein Bild bereit hält sich genauso echt und realistisch anfühlt, wie es gemeint ist. Da werden "Cornflakes mit Milch" zum Symbol für Rhythmus und Melodie des Alltags, wieder ein Frühstück, wieder ein Tag, wieder zahlreiche Momente, unzusammenhängend und doch passend. 

Staring Girl wagen sich allerdings kaum aus ihrem kleinen Diorama heraus. Manchmal möchte man Nibbe schütteln, am Schlaffittchen packen und ihm beim sich ewigen Zuhören stören: doch dann taucht auf einmal ein verhaltener Männerchor auf, "Vorhänge" wird zum beseelten Country-Shanty und lässt "7 Stunden und 40 Minuten" für einen kurzen Augenblick die Handbremse lösen. Doch schon beim folgenden "Mann Im Zimmer" fangen sich Musik und Sänger wieder, der schunkelnde Unterton verschwindet und die für einen Moment aufgerissenen Vorhänge schließen sich für mehr Intimität, die erneut tröstet und gut tut. 

Es ist kein lautes und aufregendes Album geworden, trotz der etwas unruhig startenden ersten Single "Türgriff abgebrochen" und doch ist es von einer filigranen Spannung durchzogen, die von der ebenso behutsamen, jedoch genauso interessanten Instrumentierung unterstützt wird. Wenn, wie in "Kaltes Haus" erst ein beseeltes Akkordeon für Stimmung und dann die jangelnde Gitarre für Gefühl sorgt oder die zarten Mundharmonikatöne in "Jeder Geht Allein" einen schütteren Americana-Moment hervorzaubern. 

Wahrscheinlich war der lyrische Einstieg bei Nibbe und seinen Mannen Programm: Hier wackelt nichts und somit ist "7 Stunden und 40 Minuten" voll von lyrischen, behaglichen, angehnehmen, einnehmenden und vor allem guten Gedanken. 
 
 

Montag, 18. Juni 2012

Aufgemerkt : Schoenholz



Kein Schiffbruch.

Die Gedanken treiben den Hörer weit hinaus. Schoenholz - Ceylon. Das klingt nach altem Teeclipper, riecht nach warmen Hölzern und hat diesen leicht sepiafarbenen Schimmer, der aus allem eine träumerische Erinnerung macht. Doch schillert die Berliner Band um die Sängerin Daniela Schönwald eher in Nuancen die sich in Pfützen spiegeln, in blassem Blau oder kaltem Schwarz, lässt bittersüße Melancholie walten und klingt weise und vehement zugleich.

Musikalisch bewegt sich das Debüt der vier Musiker, das über Timezone Records am 06.07.2012 in die hiesigen Plattenhäfen einläuft, auf einem hin und her schlingernden Drahtseil, das Spannung und langsames Loslassen gleichermaßen verlangt. Fast immer dunkel, an der Grenze zwischen Wahrhaftigkeit und Halbschatten, gerne dem Mond zugewandt. "Gespenster" die sich wie filigrane Gespinste um Ecken und Kanten winden und einen silbrigen Glanz verleihen, durchdringen die neun Stücke, die sich zuweilen fiebrig, dann aber doch wieder kalt und keusch anschleichen. Die Stimme Schönwalds windet sich in langgezogenen Klangmäandern um sich selbst und wird erst beim folgenden "3011" beherzt freigelassen. 

Metaphern, Bilder, Symbole. Schoenholz malen mit dem dicksten Pinsel und kramen in den Stichwortkisten das Unterste zuoberst. "Am Fuße des Berges verbrennt das Tal" singen sie und lassen Menschen ins Licht schauen, das Gesicht des Teufels tanzen und bestärken dieses zu Gitarren- und Schlagzeugwirbeln durch bitterschwerste Lyrik: "Luft und Stein, Fleisch und Geist, der achte Tag ist dunkelweiß".

Vergänglichkeit, Berührung und doch Wagemut. Der wundervolle Titeltrack spiegelt die unglaubliche Emotionalität der vordergründigen Tristesse wieder. Allein wie Schönwald den Begriff "Staub" mit schneidender Stimme in den Nachthimmel katapultiert, lässt Gänsehaut am ganzen Körper aufkommen. Mal frühe, chansoneske Anna R., zuweilen auch Ebba Durstewitz von JaKönigJa, ein wenig Hildegard Knef, dazu ein Quäntchen Josepha Conrad von Susie Asado. Mal betont bestimmter Beinahe-Sprechgesang wie im vertrackt-verjazzten "Vogelfrei", mal fast schon von begnadeter Güte wie bei "Weine Nicht", welches sich zwischendurch verdächtig nah an deutschen Befindlichkeitspop annähert. 

Dazu ein nicht immer ganz maßgeschneiderte Tagelage aus Klang und Schall, gerne ein knarziger, einsamer Bass, der gemeinsam mit Tasten und fokussiertem Schlagwerk das experimentreiche "Vogelfrei" einfängt und in einen nach vorne galoppierenden Klippenspringer verwandelt. Zumeist aber schlagen Schoenholz Töne aus einem leidlich farbärmeren Tuschkasten an, "Blasses Blau" darf dazu am eleganten Dinnerjazz schnuppern, im hübschen Kontrast zum durchaus drastistischen Fabuliergrad der Sängerin, "Kaltschwarz" wiederum erinnert an morbiden Pop, an die 80er Jahre, an klirrende Stimmung und ja, doch auch an die Erzählfreude deutscher Meistertexter wie Rio Reiser.

Es ist trotz aller Tragik und Drastik, die Schoenholz verbreiten, kein Schiffbruch, es ist vielmehr ein hoffnungsvoller Stapellauf auf ein Gewässer zu, dessen Untiefen gar nicht risikoreich genug sein können.

Hören? Gerne.

Montag, 11. Juni 2012

Crystal Shipsss



Schon komisch.

Da wird das letzte Album Jacob Faurholts erst jetzt offiziell in Deutschland veröffentlicht und schwupps kommt er mit einem neuen Projekt um die Ecke. Crystal Shipsss hat aber nichts zu tun mit den intimen, behaglichen, aber doch kargen Folksongs auf "Dark Hours".
Vielmehr sucht sich Faurholt auf "Yay" ganz neue Wege. Verwunschen, verspult und immer mit jeder Menge DIY-Gefühl vagabundiert er durch 10 Stücke, von den die meisten nach knapp zwei Minuten schon wieder vorbei sind.

Es sind kleine Lo-Fi-Verrücktheiten, die trotz oder gerade wegen ihrer kindlichen Kurzweiligkeit im Ohr bleiben. Nicht lange, aber immer lange genug, um sich noch einen weiteren Durchgang von "Yay" zu gönnen.
Da ist die Single "Smile", die das Ohr ungewohnt rauschhaft umgarnt und dann doch plötzlich wieder verschwindet. Das nachdenkliche "My Dark Slimy Soul", dass sich wie ein Shot aus Zuckerwatte mit Lakritzgeschmack urplötzlich im Genick festsetzt und sein Gespinst für das Folgende noch dichter webt. 

Unbeherrscht ist Faurhault trotz aller Experimentierfreunde aber nicht. Die Melodien tauchen nur nicht mehr so früh und unvermittelt auf, ist das Klangbild jedoch in Mark und Bein übergegangen, Man fühlt sich erinnert an das "Lust Lust Lust"-Album der Raveonettes, an The Jesus & Mary Chain, an Petitessen des ersten Album der The Pains Of Being Pure At Heart. Nur fehlt den skizzenhaften Songs vielleicht zuweilen der Halt, hier wäre weniger Konsequenz sicherlich hilfreich gewesen.

Doch auch so bereitet Faurhault einen hübschen kleinen Lückenfüller, der vor allem neugierig macht auf Faurhault selbst. Nimmt man nur die letzten beiden Veröffentlichungen des Wahlberliners und gebürtigen Dänen und seine Umtriebigkeit als Muster, kommt da sicherlich noch eine ganze Menge nach. Mit "Yay" lässt sich das mit Spannung und Experimentierfreude erwarten und so darf dann auch das obligate Video für das heute bei Raw Onion Records erscheinende Album nicht fehlen:

 

Sonntag, 3. Juni 2012

My monthly Mixtape: Juni


 Fundstücke. Der Juni bringt so viel zusammen, wie schon lange kein Monat mehr. So suchen wir den Strand ab und finden Zerbrochenes, Aneinandergefügtes, Aufeinandergestelltes, Angesetzes, Zerklüftetes und Rundgewaschenes. Begeben wir uns also auf die kleine Expedition und finden nahezu 50 Jahre Historie, denn das Mixtape des Monats umspannt vom lässigen Doo-Wop-Soul der Fifties über die psychedelischen Schlieren der 60er und 70er-Jahre auch ätherisches Popempfinden, pathetische Folkrockmelancholie und sanftes Songwriterliedgut aktuellster Prägung und bleibt doch komplett im Jahre 2012.


01. Tu Fawning - Anchor
02. Exitmusic - Passage
03. Daughn Gibson - Tiffany Lou
04. Garda - Upper/Lower Water Course
05. Edward Sharpe & The Magnetic Zeros - Man On Fire
06. Nick Waterhouse - Say I Wanna Know
07. Ben Schadow - Einer aus Stolz, einer aus Scham
08. Regina Spektor - Don't Leave Me (Ne Me Quitte Pas)
09. L.A. - Older
10. Joel Alme - If She Ever Knew
11. Forest & Crispian - A Horse's Tale
12. King Charles - LoveBlood
13. Kassidy - One Man Army
14. The Medics - Griffin
15. Soulsavers - Longest Day
16. Imaginery Family - The Bird Watcher
17. Ulver - Magic Hollow
18. Samuel Lockridge - Woodland Hymn

Aufmerker gäb's viele, den schönsten hatte ich kürzlich schon mal bei facebook präsentiert, die Botschaft jedoch so toll, dass er hier noch mal in voller Bildgewalt zu sehen ist:


...und da ich es im Mai nicht geschafft habe, wird's im Juni bestimmt wieder eine Bänkelsängerausgabe auf dem "Radio der von Neil Young Getöteten" geben.

Montag, 28. Mai 2012

Aufgemerkt: Forest & Crispian



Erfüllung pur.

Es ist doch jedes Jahr das gleiche Dilemma. Gerade für uns Folkfreude bieten Frühling und Herbst die feinsten Farbtupfer an, doch zumeist will sich kein rechter Sommerhit finden lassen. Gott sei dank haben sich die Schweden von Forest & Crispian ein Herz gefasst und mit ihrem dritten Album "Morgenlands" für Abhilfe gesorgt, wovon man sich ab dem 08.06.2012 über Für Records überzeugen kann.

Doch von Anfang an. "Morgenlands" erinnert in seiner Verspieltheit an ein Kaleidoskop voller farbenprächtiger Edelsteine, die je nach Lichteinfall und eigener Interpretationsfreude funkeln wie in 1001 Nacht. Wie sonst kann man sich erklären, dass ausgerechnet der Albumtitel aus einem Foxtrott des Operettenkomponisten Robert Stolz entlehnt ist, und das es sich die vier Schweden auch nicht nehmen lassen, eben jenes orientalische Kunstliedchen auf Deutsch anzustimmen. Gemeinsam mit dem munter aufspielenden "This Ain't A Song For People Wanting To Have Fun" funktioniert dieses Intermezzo fabelhaft und ist nur eins von vielen kabarettesken kleinen Kunststückchen, die aus "Morgenlands" diese feine Revue aus tanzbaren Indiepop und -folkstückchen machen, die mit tiefgründig verschmitzen Texten aufwarten. Nehmen wir nur die erste Single "Let The Best Band Win", die das an eine Jean-Michael Jarre-Skizze erinnernde "The Rider" vorangestellt bekommt und dann selbst zum piano- und geigengetriebenen Feelgood-Hit wird, der seine bittersüße Botschaft trotzdem nicht verstecken muss.
Ähnlich wie im vorvergangenen Jahr Erland & The Carnival" bedienen sich Forest & Crispian mit beherztem Schwung in vielen Schubfächern, mal finden sie dabei diese feinen Salonpopstücke, die auch Belle & Sebastian oder dem Musicalprojekt God Help The Girl gut zu Gesicht gestanden hätten (Who Killed Young Robin), ein anderes mal wird der galoppierende Britfolk der 60er-Jahre zitiert (A Horse's Tale) und dann taucht auf einmal dieses Monstrum "Everyone Is Entitled To A War Machine" auf, das mit seiner repetitiven Art fast schon comichaftes Mini-Opern-Format aufweist. Es ist ein kunterbunter Kirmesplatz, den sich die vier Schweden zu eigen machen, schließlich tauchen Kirmelsorgeln genauso auf wie Marching Drums, lassen ihre Stimmen durchaus auch mal niedlich und kindlich über die Klinge springen und umschiffen die Kitschklippen mit so viel Spielfreude und Lieblichkeit, dass es unumgänglich ist, die Musiker bei der Hand zu nehmen und sich in diesem Panoptikum der Kreativität zu verlaufen. 
Sollten sich durch diese Lobhudelei immer noch Fragezeichen auf der Stirn der zukünftigen Konsumenten befinden, greife der geneigte Hörer zum abschließenden "Copenhagen", dass von Ferne an den Klassiker "Seasons In The Sun" erinnert und schwelge beherzt der untergehenden Sonne entgegen. Der Bänkelsänger hat sicherlich eines der fabelhaftesten Alben dieses Jahres gehört. Ganz bestimmt!