Dienstag, 1. November 2016

Aufgemerkt: Josienne Clarke & Ben Walker - Overnight



Josienne Clarke & Ben Walker – Overnight

Nacht, welch tröstenden Umhang du uns spendest. Hüllst uns ein mit funkelnder Sternpracht besetzt. Mond, der du das Licht der Welt in fahlen Farben spiegelst und zurückwirfst. Dunkelheit, die du Schutz und Behaglichkeit, aber auch Schauer und Unbehagen versprichst. Sinistre Gedanken, die es einfacher machen, sich mit „Overnight“, dem mittlerweile fünften Album der Sängerin Josienne Clarke und ihres kongenialen Partners Ben Walker zu beschäftigen.

Die glasklare Stimme Clarkes ist das eine, das fingerfertige Gitarrenspiel Walkers das andere. Songs, die an der Schwelle von Tag und Nacht entlang wandeln, wechseln mit glitzernden Nachtstücken ab. Britisch gefärbter Folk, dem noch ausreichend Tradition aus den Poren tropft. Schmeichelnder angejazzter Pop nahe am Easy Listening. Schauermärchen und Geschichten aus dem Leben, mal aus eigener Feder, mal von solch illustren Musikern wie Jackson C. Frank, Gillian Welch oder gar John Dowland geschrieben. Ein Potpourri, dass ähnlich den Farben des Albumcovers ineinanderfließt und so die Stimmung von Licht und Schatten in allen Facetten widerzuspiegeln versucht.

Da ist das federnde „The Waning Crescent“, dessen nokturner Unterton wie ein Leitmotiv für das gesamte Album erscheint. Dann das eröffnende und Clarke bis an die Grenzen des Horizonts tragende „Nine Times Along“, pendelnd im Vortrag und noch sehr nah an den deutlich traditionsgefärbten Vorgängerwerken. Clarke und Walker nutzen Instrumente und Stimme innerhalb der Arrangements wie Pinsel, die auf etwas zu viel Wasser treffen. Im Innern sind die Farben deutlich, kraftvoll und prächtig, an ihren Grenzen undurchsichtig und darüber hinaus wohnen nur noch kleinste Pigmente in Ihnen. So verliert sich Walker schon einmal in seinen technisch ausgefeilten Gitarrenpickings und lässt Clarke stimmlich mit der Überkronung der Stücke zurück. Doch dann wiederum veredeln sie „Milk And Honey“ eines Jackson C. Frank zu einer ätherischen Jazz-Folk-Pretiose oder hauchen verstiegenen Folkballaden wie „The Light Of His Lamp“ zwielichtiges Leben ein.

Mit dem streichergetragenen „Sweet The Sorrow“ und vor allem mit „Weep You No More Sad Fountains“ gelingt Josienne Clarke & Ben Walker schließlich eine herausragende Transformation historischen Liedguts in zeitgenössische Folkvariationen. Der archaischen Sprache Dowlands binden beide ein Bukett aus fein ziselierten Melodien und Stimmungen. Diese Bündelung an Tönen, Klängen und Stimmungen lässt „Overnight“ sämtliche Tages- und Nachtzeiten durchleben und wirkt dabei vollkommen zeitlos. 

Man lausche dem wunderbaren Ohrenöffner: 


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