Mittwoch, 29. August 2012

The Dropout Patrol



Verletzliches Popmelodram mit Folkakzenten.

The Dropout Patrol kann deine heimliche Lieblingsband werden. Vor allem dann, wenn melancholische und wahre, ruhige und nachdenkliche, verletzliche und kraftvolle Indiepopmomente zum Lieblingsgenre gehören. Doch auch bei allen anderen solllte das selbstbetitelte, am morgigen Freitag via K&F erscheinende Album mindestens einmal einen Hördurchgang bekommen, denn der feinsinnige Pop der Band um die Sängerin Jana Sotzko hat es allemal verdient.

Fast müßig erscheint es einzelne Songs des Albums hervorzuheben, wohnt ihnen doch alle eine sypathische Gemütsruhe inne, die mal mehr mal weniger aufmüpfig mit dem folkinfizierten Indierock eines (mal wieder) frühen Damien Jurado oder Songs:Ohia anbändeln. Sotzko ist dabei zwar Hauptfigur, lässt ihren Kollegen an Schlagzeug, Bass und Gitarre aber mindestens genügend Raum für eigene, meist wohldosierte Ausbrüche. Herzstück auf "The Dropout Patrol" ist das fabelhafte "It May Be That We Are Passing Through Difficult Landscapes", dass einen leidlich pessimistischen Anstrich in warme Farben hüllt und so den besungenen "Ghost Towns" den richtigen Anstrich verleiht. Generell herrscht keine durchweg freudestrahlende Stimmung, die jetzt schon leichtherbstlich colorierten Stücke wechseln auch schon mal mit monochromem Glanz. Ganz besonders fällt das direkt zu Beginn bei "Other People's Problems" und "The Great Hesitation" auf, die verhalten, aber dennoch stetig vor sich hin schreiten, aber längst kein frühlingsfrischen Sprimginsfeld vor sich her schubsen. 

Es ist bezeichnend, dass The Droupout Patrol sich nicht immer zwingend an den erstbesten Tempi und Rhythmen aufhalten, mal wird verschleppt, dann wieder angezogen, erzeugen sie doch auf Albumlänge Bilder und Geschichten, die auch nicht in einem Fluss daherkommen, sondern sich verändern, neu zusammensetzten und wieder neu gemischt werden. Mittel zum Zweck ist hier vor allem das sehr präsente Bassspiel von Stefan Diessner und Ullrich Kalliske, die sich an Bass und Gitarre abwechseln. Doch auch Schlagzeuger Kristof Künssler variiert zuweilen fintenreich, dass ein stimmiger, zuweilen etwas zu stimmiger Gesamteindruck entsteht. Ein paar Kanten dürfen sein, wie bei "Find It At The Bottom Of The Lake" mit seiner spannenden choralen Linienführung oder der Single "MUYM", die Sotzko und Kumpanen verdächtig nah an frühe 80er-Jahre-Tristesse heranführt.

Doch lässt The Dropout Patrol insgesamt auch einige Wünsche nur angerissen, ist deren Album doch ein mehr als erfreuliches und vor allem persönliches Erlebnis, dass im November bei schattenden Grautönen sicherlich noch viel intensiver wirkt.

Donnerstag, 16. August 2012

Heyward Howkins

Noch'n Lied.

Das. Nur das! So. Genauso! Und eigentlich immer besser werdend. Wovon ich hier spreche? Heyward Howkins. Und warum? Weil sein Album "The Hale & Hearty" Spaß macht, zum Nachdenken anregt, genau die richtige Menge an dunklen Facetten bereit hält, um dem Bänkelsänger Freude zu bringen und vor allem eins ist: sehr sehr gut.

Mit einigen, zuweilen durchaus namhaften musikalischen Meriten gesegnet und einer choralen Vergangenheit behaftet, versteht man das Soloalbum des Amerikaners so ziemlich auf Anhieb. Folk, der auf der einen Seite die samtene Bettschwere der britischen Barden birgt, auf der anderen Seite aber auch rauh und borstig wirkt und sich zuweilen amerikanischer Hobo-Mentalität annähert. Howkins ist darüber Sänger genug, um den zuweilen kantigen Stücken Fluss und Linie zu geben, vielmehr fusioniert er seine helle Stimme aber mit unterschiedlichsten Gitarrenvarianten, dass allein daraus ein veritabler Mikrokosmos entshen könnte.

Doch davon nicht genug, allein Produzent Chet Delcampo steuert noch einen ganzen Banzen weiterer Melodiezaubergeräte hinzu und schaut man sich die Auflistung aller vorkommenden Instrumente auf der bandcamp-Seite an, bekommt man einen ziemlich guten Eindruck vermittelt, was Howkins auf "The Hale & Hearty" zelebriert. Interessantestes Merkmal ist häufig die verstärkte Akustikgitarre, die Rhythmusgeber, Perkussionsgerät und Klangraum gleichzeitig ist und klar die Marschrichtung vorgibt. Hierbei erstaunt es zuweilen, wie leichtfüßig Themen, Melodien und Rhythmen mal eben von unten nach oben gekehrt werden, gerne auch unter Zuhilfenahme vom übrigen Instrumentarium. Beispiel hier ist das variable "The Raucous  Calls Of The Morning" aber auch das in auffälligem Beinahesprechsingsang vorgetragene "Spanish Moss" überrascht mit Vielfalt und trotzdem größtmöglicher Eingängigkeit. 

Zuweilen kommt es zu fast schon traditionellem Songwriting, vor allem wenn wie bei "Flash Mob" mit Steicherdopplungen gearbeitet wird, doch eigentlich dauert fast nur weitere 30 Sekunden, dann wird aus dem schlichten Folksong ein trickreicher Popsong, der trotz allem nicht angestrengt wirkt. Da kommt einem Damien Jurado in den Sinn, der auf seinen letzten Alben ähnlich abwechslungsreich, aber dann doch weniger vordergründig vorgeht, bei Howkins erscheinen viele Songs eben wie spontane Einfälle, was manchmal zu Lasten des Flusses geht, der zum Beispiel beim ebenfalls ähnelnden Jens Lekman viel seltener gebrochen wird.

Heyward Howkins macht aber auf "The Hale & Hearty" viel zu viel richtig, als dass man hier ernsthafte Kritik äußern müsste, und da sich ja nach dem aktuellen Zwischensommerhoch auch wieder Herbstfarben aufdrängen werden, darf man dem Album gerne einen Platz für die gemütlichen Balkon/Terrasse/Kuscheldecke/Kamin/Rotwein/Tee-Abende reservieren. Funtioniert aber jetzt genauso gut! 


 




Samstag, 11. August 2012

Bretterbauer



Rio, Selig, Finkenauer.

Ob dass den vier Jungs von Bretterbauer wohl eher weh tut oder freut, wenn sie die ersten drei aufkommenden Assoziationen mit ihrem am 17.08.12 via Global Satellite erscheinenden Album "Bretterbauer" hier nachlesen?
Sicherlich weniger, wenn sie wüssten, dass alle drei für den Bänkelsänger eine gewisse Relevanz nach sich ziehen und auf jeden Fall wohlmeinend, denn vergleichend oder gar kritisierend verstanden werden sollen. Doch genug der Vorrede, hier soll es schließlich um das Album an sich gehen. 

Bretterbauer kommen aus Österreich und sind zunächst mal ganz schön laut. Indie-Rock (ohne Folk) ohne große Schnörkel, dafür mit Schlenkern in Synth- und Wavegefilde, der fast immer knochentrocken, aber nicht ohne Esprit daherkommt. So fangen "SVA" und die Single "Dörte" (die man sich hier frei downloaden kann) ziemlich roh und gewaltig an, verblüffen aber mit Texten, die ironisch und ehrlich zugleich wirken und darüber hinaus eben an die lyrischen Sprenkel eines Jan Plewka erinnern. Die Stimme von Jakob Bretterbauer erinnert zuweilen auch eben an jenen, doch größter Einfluss ist sicherlich der alles überstrahlende Rio Reiser. Mal kehlig, mal nölig, doch immer auf den Punkt wie im gradlinigen "Komm näher" oder im textlich herausragenden "Schauspieler". 

Besonders auffällig sind aber die Stücke, die sich eben mal nicht die volle Breitseite geben. Da drängt sich das tolle "No. 1" in den Vordergrund, und das erinnert eben an das herausragende letzte Album "Finkenauers", immer eine Spur daneben liegend und dennoch so pointiert wie möglich nach vorne stürmen.
 Dass das Album mit seinen insgesamt 14 Stücken zuweilen ganz schön fordert und aufgrund der zur Schau gestellten Lautstärke manchmal auch die Grenzen überschreitet, mag ein Manko sein, man muss es ja aber auch nicht immer am Stück hören. Wenn man sich dann aber schon die Rosinen herauspickt, sollte der Griff aber zum einen auf jeden Fall zu "Stille Raucher" gehen, dass das Album fast schon realphilosopisch abschließt, zuvor gilt es aber auch noch der rauh-rauchigen Version des Ton Steine Scherben-Klassikers "Wir müssen hier raus" ein Ohr zu leihen, denn so schön hat sich zu Reiser-Texten schon lange kein Hinterground-Keyboard mehr für heimliche Hitmomente empfohlen.

Bretterbauer können ganz schön viel und das ganz schön laut. Die Dosierung ist ganz schön üppig, daher wäre eine Feinjustierung auf Dauer sicherlich keine schlechte Idee, für den Moment ist's aber sehr gelungen.


 






Mittwoch, 8. August 2012

Mandrax Icon



Bänkeln auf Portugiesisch.

Es ist doch immer wieder überraschend aus welcher Herren Länder sich inzwischen nette Promoanfragen auf dem hiesigen Schreibtisch einfinden. Portugal hatten wir noch nicht so häufig, daher habe ich mich schon ganz schön über die Anfrage des neuen Label Nostril Records gefragt und gespannt den ersten Klängen von Mandrax Icon gelauscht.

Mandrax Icon ist Márcio da Cunha und hat mit "Mary Climbed The Ladder For the Sun" ein hübsches, fast schon aufreizend traditionelles Songwriteralbum aufgenommen, dass wahlweise britische und amerikanische Historie atmet und vor allem vom variablen Gitarrenspiel des Musikers lebt.

Immer zwischen Lagerfeuer und Waldhüttenromantik, doch nicht hoffnungslos verklärt versucht sich da Cunha als Geschichtenerzähler und lässt sich dabei auch immer wieder von Mitmusikern unterstützten. Wenn sich jedoch kurz vor Schluß dass wundervolle "The Phoenix Shall Rise" aus dem Album erhebt und der Sänger mit Crooner-Stimme zu schlichten Gitarrenakkorden beginnt, bekommt "Mary Climbed The Ladder For The Sun" noch mal ein ganz besonders Moment. Natürlich sorgen hier auch zum Ende hin Violine und Flöte für anheimelnde Momente, doch ist Mandrax Icon am stärsten wenn er wirklich nur mit seiner Stimme und der begleitenden Gitarre vom Wüten der Welt erzählt.

Er variiert hierbei und lässt den Stücken auch schon mal epische Breite, dass abschließende "Sand Of Time" entfaltet sich zum Beispiel nur mählich, konzentriert sich weitestgehend auf das pendelnde Picking des Musikers, der seine Vorbilder in der Hinsicht auch gerne bei John Fahey oder Jack Rose sucht. Das merkt man dem Album durchaus an, immer dann wenn die instrumentalen Momente überwiegen, fühlt es sich wie ein Sog an, dem es sich nicht so einfach zu entziehen vermag. 

Doch auch die weniger komplexen Stücke des Albums überzeugen durch die feine Spannung, die sie durchzieht. Ob das eröffenende "Dead Joy", dass an die ebenfalls portugiesischen A Jigsaw erinnert, das nach vorne treibende "Ginger Eyes", dass sich aber auch gerne in bluesige Geflide zurückschleppen lässt oder das fingerfertige Titelstück, Mandrax Icon bedient eine ganze Reihe von Facetten, denen man auf jeden Fall mal mehr Aufmerksamkeit schenken sollte. Da tolle daran ist: Digital darf man sich das Album via bandcamp kostenlos herunterladen. Wer sich alsdo nur einen Hauch für ein wirklich ansprechendes Songwriter-Debut interessiert, darf dem spannenden Musiker gerne ein Ohr schenken.

Mittwoch, 1. August 2012

My monthly Mixtape: August


Surreal ist er schon dieser Sommer. Wechsel- und sprunghaft sowieso und eigentlich ist er ja auch gar keiner. Gut, dass auf dem Mixtape schon mal ein wenig Herbstluft geschnuppert wird und sich unter anderem Vorboten der Alben der Mountain Goats und Jonas Carping versammelt haben. Dazu kommen ein musikalischer Hörbuchauszug aus Australien, ein leichthin Selbstmord-Song genanntes Cover des wohl besten Folkcrooners diesen Jahres, diesere Pop- und Post-Punk-Hymnen garstigster Machart und und und... Man suche sich seinen persönlichen Favoriten und lausche der eklektischen Mischung mit der ihr geboteten Ehrfurcht:

01. Lawrence Arabia - Travelling Shoes
02. Joshua Hyslop - Hallelujah
03. Grand Salvo - The story of May 20th, 1929
04. Jonas Carping - Sideways
05. Strand Of Oaks - Last Grains
06. Dusted - (Into the) Atmosphere
07. Skinny Lister - Trawlerman
08. The Mountain Goats - Cry for Judas
09. Matt Elliott - Gloomy Sunday
10. Frank Ocean - Bad Religion
11. Sam Reynolds - Row Your Boat
12. Mothlite - Seeing in the Dark
13. Wymond Miles - Run Like the Hunted
14. The View - Bunker (Solid Ground)
15. The Gaslight Anthem - Howl
16. The Blue Angel lounge - Ewig
17. Holograms - Monolith
18. Graveyard Train - I'm Gone
19. The Felice Brothers - Panther at the Zoo
20. The Daredevil Christopher Wright - The Animal of Choice



NB: Ich weiß ich schwächle ein wenig, doch ich gelobe Besserung, dass dieses und auch die bislang noch nicht hörbar gemachten Mixtapes ihren Weg auf das "Radio der von Neil Young Getöteten" finden.

Sonntag, 29. Juli 2012

Um Ecken und über Kanten: Craig M Clarke

Um Ecken und über Kanten wird mal wieder ein neues Kapitel auf dem Bänkelsänger und soll wie im letzten September schon mal angetestet, musikalische Erstkontakte mit spotanen Gedankenexplosionen beschreiben. Recht so?

 


Manchmal.

Kein Folk. Kein Country. Kein Irgendetwas.

Dunkel. Verstörend. Gehemmt In Melodie. Fordernd Im Rhythmus. Wenig Fluss. Gebrochen. Zerbrochen.

Experimentiell. Beweglich. Kopfkino. Wohin?

Puzzle. Samples. Sammelsurium. Panoptikum. Pop?

Verzerrt. Elektronisch und Kalt. Wagemutig. Avantgarde.

Romantische Kühle. Trockene Wärme.               Sinnhaft auf der Suche nach Klängen.

                Nach Vorne Treibend. Am Platz Bleiben. Sprachfetzen.

 Dunkelheit Mit Stroboskopartigem Aufblitzen. Maschinell.                       Industrielles Scheppern.

    Kein Pop? Wild. Wohin. 

   Kein Vergleich. Doch Annäherung. Closer = Here I Go Again. NIN.

    Ist Das Noch Schlichtes Songwriting Oder Musikalischer Dekonstruktivismus?

                      Craig M Clarke - Here I Go Again. Anstrengend, Aber Lohnend.

Doch: Kein Folk. Kein Country.

                                                                                            Postmoderne Moritaten. 




 "Here I Go Again" von Craig M Clarke wird am 06.08.2012 über Raw Onion Records veröffentlicht.


Mittwoch, 25. Juli 2012

Boho Dancer




Freak-Folk auf skandinavisch?


Sie heißen Ida, Símun und Asker. Sie spielen alle drei Gitarre, singen können sie auch, die Jungs steuern zusätzlich noch Schlagzeug und Bass bei. Klingt simpel, ist es aber nicht. Denn die drei Musiker alias Boho Dancer verknüpfen die Tugenden nordischer Melancholie gekonnt mit pastellener Folkseligkeit und kraftvoller Dramaturgie. 

Die ersten fünf daraus entstanden Songs werden nun als "Furry Skin" EP am 10.08.2012 bei SlowsharkRecords veröffentlicht, nachdem die dänische Heimat bereits im Frühjahr beglückt wurde.  Mit viel Phantasie entwerfen Boho Dancer bildhafte Momente, die mit vielerlei Emotionen gespickt trotzdem immer Bodenhaftung behalten. Ob beim verwaschenen, mit allerlei Bläsern und Schellenkranz angereicherten "Pistols", das binnen seiner sechs Minuten von Höhepunkt zu Höhepunkt schreitet und sich immer mal wieder rhythmische Auszeiten gönnt. Ida Wenøe nimmt die zuweilen verhallende Dezenz ihrer Stimme ernst und führt den Song in Gefilde, die unfassbar erscheinen und doch so nah klingen. Auch das folgende "Only A Tale" verfolgt ähnliche Strategien, ist aber fordernder, aufmüpfiger und durch die Klagelaute im Hintergrund auch aussergewöhnlicher. Spätestens wenn im zweiten Teil mehr Vehemenz ins Spiel kommt, neigt sich fast eine gewisse Tanzbarkeit ins Blickfeld, die sich aber genauso schnell wieder legt und somit die ruhigen Wege zum verschlugenen "Good Vibrations" legt. Hier lässt sich Wenøe von knurrenden Streichern umfangen und mäandert mit Gleichmut und fordernder Bestimmtheit durch das immer trickreichere Perkussionsgeäst, das an den fabelhaften DM Stith erinnert. 

Doch kehren wir noch einmal an den Anfang zurück. Allein das titelgebende "Furry Skin" leitet die EP so erwartungsschürend ein, dass die Entscheidung zugunsten zu Berge stehender Nackenhaare oder wohliger Gänsehautschaue nicht immer ganz einfach ist. Wer leitet schon so erhaben mit gedoppeltem Frauenchor ein und rudert dann so entspannt zurück (und lässt dabei ein ums andere Mal an Stina Nordenstam denken). Auch hier drängen sich so viele einfache, aber in ihrem Zusammenklang von Organ, Perkussion und Saitenklang komplexe Versatzstücke in und durch den Raum, dass ein vor Staunen offener Mund kein Zufall sein muss. Wenn das jetzt alles noch nicht neugierig genug gemacht hat, sollte die Single "Me & Your God" für den Rest sorgen, hier darf auch mal ein wenig lauter gelärmt werden und trotzdem wird ein gewisser Grad an Zärtlichkeit nie unterschritten. 

Man soll nicht, man muss Boho Dancer auf dem Zettel haben, wenn es um neue Wege für Folkmusik geht. Die oben genannte Schublade mag ich jetzt aber gar nicht ganz aufmachen, denn dann passt nur die Hälfte des Kopenhagener Trios rein. Einigen wir uns auf tolle Musiker, die "einfach schöne Lieder" machen und somit ganz tief im Herz des Bänkelsängers einen Platz gefunden haben.

Montag, 23. Juli 2012

Aufgemerkt: Fünf auf einen Streich



Ist es nicht schön, wenn Gutes wiederkommt. 

Fünf erlesene, bereits in der Vergangenheit mit Blogbeiträgen oder Mixtapeteilnahmen gewürdigte Künstler und Bands schicken sich an, des Bänkelsängers' Spätsommer und Herbst zu versüßen. Werfen wir einen Blick und leihen nach Möglichkeit beide Ohren den kostbaren Melodien:


Zunächst ist da Strand Of Oaks alias Timothy Showalter, dessen Zweitling "Pope Killdragon" 2010 zu den erklärten Lieblingen gehört hat. Nach einem etwas sonderbaren Tributebeitrag findet er aber wieder zu alter Stärke zurück und zeigt uns auf dem morgen schon digital veröffentlichten Album "Dark Shores" eine ganze Reihe neuer Facetten. Via bandcamp darf man kaufen und downloaden, hier darf man bereits lauschen:

 

Wenig konventioneller, doch mindestens genauso intensiv wirds sicherlich wieder bei Dylan LeBlanc, dessen Debut "Paupers Field" vor ebenfalls 2 Jahren auf mindestens genau so große Gegeneliebe stieß. "Cast The Same Old Shadow" heißt sein neues am 20.08.12 erscheinendes Album und das herrliche "Part One: The End" verspricht eine ganze Menge:


Ein wenig verwunschener, jedoch fokussierter als das inzwischen zweieinhalb Jahre alte "Spirit Guides" scheint, glaubt man dem ersten Vorboten, "Spectral Dusk" von Evening Hymns zu werden. Kanadas feine Adresse für waidwunden Folk schickt das abenteuerliche "Arrows" ins Rennen und landet einen kapriziösen, ambienten Hit:



Und noch mal Kanada! Die artverwandeten, jedoch erdigen The Wilderness Of Manitoba kommen gleich mit einem Doppelpack um die Ecke, zunächst morgen die EP "Delaware House", dann gibts im September bereits Albumnachschub mit "Island Of Echoes". Glaubt man dem aktuellen Video zur EP geht es allerdings dieses mal ein wenig traditioneller voran als auf dem letzten Album "When You Left The Fire"



Mit dem knorrig-trocken-magischen Songwriter Sean Rowe lässt sich der Abschluss leicht gestalten, war doch sein letztes, in Deutschland erst sehr spät veröffentlichtes Album "Magic"  ein echtes Behaglichkeitswerk. Der erste Vorgeschmack aufs neue Album weist in ähnliche Richtung und doch glaube ich, das "The Salesman And The Shark" deutlich kraftvoller wird. Den Vorgeschmack gibts aktuell exklusiv bei American Songwriter, ein kleines Schmankerl ist die Livefassung von "So Long, Marianne" zusammen mit den neoklassisch angehauchten Folkern von Lost In The Trees von vor einem Jahr (da es leider noch kein Vorabvideo gibt):


Dienstag, 17. Juli 2012

Todd Hoover

Ein bisschen Geist.

Puh, ist das jetzt schwierig. Denn der Bänkelsänger tut sich dann doch ein wenig schwer mit allzuviel christlichem Einfluss, doch irgendetwas haben die 9 "Songs" des Albums "The Whole Spirit: Redemption Songs" des amerikanischen Songwriters Todd Hoover an sich.

Manchmal total überbordend, manchmal tief kontemplativ. Dämmernd. Himmelhochjauchzend. Seelenvoll. Insichversunken. Jubilierend. Frohlockend. Kathartisch. Hymnisch. Es ist schwierig für das mitteleuropäische Ohr sich an den musikalisch abwechslungsreichen und in großen Teilen vorzüglichen Folkweisen erfreuen und gleichermaßen die christliche und fromme Grundstimmung der Texte in sich aufzunehmen. Gott und Glaube spielen tragende Rollen, die Hoover auch gar nicht verschleiert, offenkundig und vor allem offenbar wird man Zeuge von tiefer Zuneigung und ergriffener Spiritualität.

Der Beginn von "The Whole Spirit" zeichnet sich hierbei durch kraftvolle Mitmachlieder aus, die mit Inbrunst, voller Kehle und einer ganzen Reihe an Instrumenten und Stimmen zum Besten gegeben wird, ein wenig fällt der Gemeindegesang à la Sacred Harp bei Cold Mountain ins Gedächtnis, doch hier überwiegt ein latent modernerer Klang.

Höhepunkt des Album ist eindeutig die nahezu 11 Minuten dauernde Meditation "Death", die mit Verlaub eine Art christlichen Post-Rock postuliert und doch mit dem anfänglich weichen Pianoanschlag weniger nach Tod denn nach Seelenheil klingt. Doch mit fortschreitender Dauer setzt ein klanglicher Verfall ein, der mit mählich schneidender Violine und dem Hang zur Dissonanz waidwund und starr erscheint. 

Doch auch die folgende "Resurrection" findet eher besinnliche denn triumphale Klänge, selbst das Ende mit seinen duettierenden Sängern funkelt eher verhalten. Todd Hoover fängt einen Kreislauf des Glaubens in einfachen Bildern ein und vollzieht doch eine musikalische Rundreise erster Güte. Das Pendeln nach englischer Folkart in "After The Dragon Dies" gehört hierzu genauso wie das feinharmonische Frage- und Antwortspiel bei "Working/Waiting" und die abschließende "Doxology".

Es bleibt schwierig, doch wenn sich die spirituell-christliche Fabulierwelt ein wenig im Hintergrund hält, fasst man mit Hoovers Album ein kleines Folkalbum an der Hand und kann sich durchaus mitreissen lassen. Ich überlasse es hier allerdings jedem selbst, sich die musikalischen gebetsähnlichen Texte einzudenken, wenn's allein die Musik richtet, ist das allerdings auch nicht verkehrt.

Beispiel (das ganze Album!) gefällig?



Sonntag, 15. Juli 2012

Stead



Selbstmachfolk.

Der Name klingt zwar nach Musik, jedoch: Erwartet man bei Stefano Antoci D'Agostino zwangläufig zerbrechlichen Lo-Fi-Folk? So ist die Überraschung durchaus groß, wenn sich die ersten Klänge von "Colors" dem Opener des Debutalbums "Rough" ganz beschaulich im Raum ausbreiten und sich doch nicht ganz einfach verdauen lassen. Eine ganze Reihe von Brüchen nutzt der unter dem Moniker Stead auftretende Wahllondoner mit sizialianischen Wurzeln, um den 8 Stücken eine sehr eigene, meist nicht ganz eindeutige Linie zu verpassen.

So klingt "Wheeler Dealer" ein wenig nach einem wenig ausformulierten Demo, das flüchtig an Ed Harcourt erinnert und "Another Me" wandert auf den Spuren der neuen englischen Songwriter-Szene. Das eingängie "Instead" wiederum funktioniert genau andersherum und wirkt aufgrund der Streichereinfassung reif, gediegen und trotz der kratzigen Stimme D'Agostinos warm und umarmend. 

Es ist nicht immer einfach, den eigentlich gar nicht so komplexen Songs sofort folgen zu können, verwischt Stead die den einen Song umfassende Stimmung mit einem gekonnten Streich, um beim nächsten Song noch schlichter, noch beseelter oder wie im Fall der aktuellen Single "Repetitive" noch eingängier zu erscheinen. Es bleibt hier im Übrigen zu überlegen, ob der beginnende Chorus nicht auch einen Hauch "Daughter" von Pearl Jam (allerdings in sehr leiser Variante) in sich trägt. Kaum ist der letzte wohlmeinende Akkord verklungen, nimmt sich D'Agostino für "29 Times" den irischen Songwriter Dave Muldoon zur Seite und ein leicht hektisch irrlichterndes Kabinettstückchen mit versetztem Sprechsingsang kommt zu voller Blüte. Doch damit nicht genug, denn auch der letzte Akt wird mit Unterstützung bestritten, Guilano Dottori, ebenfalls Songwriter und Landsmann D'Agostinos hilft "Giuggiulena" einen verhalten psychedelischen Anstrich zu verpassen und so sorgen beide für einen sehr gesetzten, aber auch passenden Abschluß des regulären Albums.

Regulär? Jawohl, denn "Rough" gibt es auch noch als "Rough Out"-Version, die mit zahlreichen Outtakes, Demos und sonstigem unveröffentlichten material mindestens noch mal genauso abwechslungsreich ist und einen Weg beschreitet, der für ein Debut höchst ungewöhnlich aber um so lobenswerter erscheint.

Hier gibt was zu sehen:

Repetitive - Stead from Lino Palena on Vimeo.