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Mittwoch, 4. November 2015

Scheunenfunde: Jonas Carping - Cocktails & Gasoline



Jonas Carping – Cocktails & Gasoline

Aus dem Fenster.

Vor geraumer Zeit durfte ich mich über eine leicht schüchterne Anfrage freuen, in der ein gewisser Jonas Carping fragte, ob ich mich nicht ein paar Minuten seiner ersten EP widmen wollen würde und ein paar Zeilen dazu verfassen wolle. Damals sind es in der Tat nur ein paar wenige Worte geworden, doch vor allem „Underground“ und Sideways“ lassen mich bis heute vor Wonne bis ins Mark erschauen. Das nachfolgende erste Album „All The Time In The World“ hielt den Erwartungen mehr als Stand und so war ich um so fröhlicher als mich Anfang Oktober (immerhin schon vier Wochen her, von daher ein guter Grund für einen Scheunenfund) erneut eine Mail erreichte: „Cocktails & Gasoline“ ist fertig.

Die Musik des schwedischen Songwriters lebt vor allem von seiner Stimmfarbe. Dunkel timbriert, aber nie zu rotweinschwer, angerauht, aber nicht kratzig, mit Inbrunst vorgetragen, aber nie pathosgeschwängert. Das hat sich auch auf „Cocktails & Gasoline“ kaum geändert, vielmehr scheint Carping seine eigene Klangpalette intensiviert und aufgefächert zu haben und bietet deutlich abwechslungsreiche Schattierungen an. Der Sound der Instrumente hingegen hat immens an Kraft gewonnen und auch die Intensität und Lautstärke verdichten sich auf Carpings Zweitwerk konsequenter zu einem energischen Vortrag. Stürmen hier vor allem die schnellen Americana-Stücke „The Last Approval“ und das fulminant aufspielende „Higher Ground“ mutig voran, lassen sich dennoch ruhige, ja beinahe kontemplative Passagen ausmachen. „You Move In A Different Way“ zum Beispiel, das Carping zur weichen Gitarrenakkorden intoniert und in mattierenden Farben von einer beginnenden Entzweiung erzählt.

„Cocktails & Gasoline“ ist genau wie das Vorgängeralbum durchzogen von sentimentalen Stimmungsfäden, die aber durch den lebendigen Vortrag, vor allem in den schnelleren Stücken immer wieder aufgebrochen werden. „Down To The Water“ klingt wie ein längst vergessener Sommernachts-Folksong, Carping singt mit seiner Duettpartnerin Sigrid Nilsson vor tänzelnden Streichern und schmeichelnder Percussion und erschafft Bilder von bittersüßen Sehnsuchtsmomenten. Während er bei „Dive“ zuvor noch mal mit Dynamik und Tempo spielt und mit „Sleepless Nights Blues“ ihm sehr gut zu Gesicht stehende fast schon archaische Bluestugenden heraufbeschwört, lässt er schließlich das Album in den Titelsong münden, der so sehr Pub-Singalong ist, das ein Frank Turner vor Neid fast zerspringen müsste.

„Cocktails & Gasoline“ ist ein überzeugendes zweites Album geworden, das nach leidenschaftlichem Musikmachen klingt. Carping erfindet nichts Neues, setzt sich aber mit seiner herausragenden Stimme deutlich von artverwandten Kollegen ab. Gerade in den zurückgenommenen Teilen kann man den Entstehunngsprozess in einer verlassenen Waldhütte nachvollziehen und blickt mit Spannung aus deren Fenster auf die Welt. Jonas Carping blickt einem dabei über die Schulter und singt aus vollem Herzen den entsprechenden Soundtrack. 



Mittwoch, 12. August 2015

Scheunenfunde: Mark Rogers & Mary Byrne



Zurück nach Innen. 

Trotz aller diesjährigen Regelmäßigkeit an Blogbeiträgen schafft es längst nicht alle angefragte und selbst entdeckte Musik auf den Bänkelsänger. Bereits Mitte Juli kam E-Mail-Post von Mark Rogers und Mary Byrne, mit der Bitte, sich doch das bereits im Oktober vergangenen Jahres veröffentliche Debütalbum vor den demnächst anstehenden Europa- und Deutschlandkonzerten einmal anzuhören und ihm vielleicht ein paar warme Worte an die Hand zu geben. Als dann dieser Tage auch noch ein physisches Exemplar im Briefkasten auftauchte, war Zugzwang angesagt, nicht dass es das Album ob seiner Güte bedurft hätte, aber unbändige Freude ob des hübschen Artworks und der netten Ankündigung kam trotzdem auf.

Doch nun zur Musik. Beide Musiker haben sich bereits in den vergangenen Jahren bei einigen mehr oder weniger bekannten amerikanischen Folkbands versucht, ehe sie 2013 die ersten gemeinsamen Schritte unternahmen. Mark ist Multiinstrumentalist und vagabundiert auf "I Line My Days Along Your Weight" an den Grenzen zwischen unbedingter Virtuosität und herzhaftem Akkordeinsatz entlang. Die Instrumentenwahl ist dabei so archaisch wie vielfältig, spielen doch Saitenklänge von Steel- und Resonator-Gitarren und antike Mandolinen genauso eine Rolle wie beläufige gesetzte Pianotupfen. Über diese mal sehsüchtelnden, mal intimen Melodiebögen erklingt die Stimme Mary Byrnes, die mal die Luftigkeit der Folkchanteusen der 60er-Jahre erreicht - nicht selten schimmert Sandy Denny von Ferne - aber sich auch vor zeitgenössischen Künstlerinnen wie Laura Marling oder Meg Baird nicht verstecken sollte. Dadurch erscheinen die Stücke auf "I Line My Days Along Your Weight" auch nicht rückwärtsgewandt, vielmehr strahlen sie vor zeitloser Anmutung und Tiefe. 

Im schmeichelnden "Green Gold Violet" etwa, wenn Rogers sein immerwährendes Folkpicking unterbricht um die Saiten entlangzuschlittern und damit den sonnendurchfluteten Gesang seiner Partnerin zu umgarnen. Mark Rogers Spiel erinnert dabei an John Martyn, immer wieder umweht die geschlagenen und gezupften, gestrichenen und gestreichelten Saiten eine luftige Wehmut, die sich aus vielen kleinen Miniaturen zusammenzusetzen scheint. Es sind die stillen Momente, die auf "I Line My Days Along Your Weight" überwiegen, und diese sind teilweise von solch zerbrechlicher Zartheit, dass man den Atem anhalten möchte, um nicht eine einzelne Nuance zu verpassen. Wenn Byrne dabei dann auch noch über intime Nähe singt, über Zweisamkeit und wahlweise dass sich gegenseitig Loslassen oder Wiederfinden können, kann dann schon ganz erheblich an die Nieren gehen. Doch trifft sie nicht immer nur die ganz schweren Themen wie bei "Sirens Call", denn das folgende "Cold Spring"  zeigt Stärke, Mut und Sehnsucht zugleich. Im Grunde liegt die Kraft des Albums aber auch genau in diesem Bruch aus den fein ziselierten Kompositionen und der bittersüßen Melancholie in Byrnes Texten.

Es wird ja bald Herbst, von daher darf man sich jetzt gerne einmummeln und den weisen Worten und den feinen Melodien der beiden Musiker aus Brooklyn lauschen, entweder direkt zu Hause, mit einem gehörigen Schuß Wohlfühlrotwein oder auf einem der ab September anstehenden Konzerte, die weiter unten aufgeführt sind. Aber ein Aufmerker darf natürlich nicht fehlen, hier ist "When Your Elders Are Tall":  


...und hier sind die noch nicht ganz vollständigen Konzerttermine:

11 Sept    Weimar, Kasseturm
12 Sept    Bad Bentheim, Altes Museum
14 Sept    Lübeck, Tonfink
15 Sept    Hamburg, Spielbudenplatz
16 Sept    Düsseldorf, Cafe Kwadrat
17 Sept    Münster, Fyal Central
18 Sept    Forst, Forster Hof
19 Sept    Leipzig, Tonelli's
20 Sept    Berlin, Alter Roter Löwe Rein
22 Sept    Schwerin, Angler II
23 Sept    Halle, Palais'S
24 Sept    Magdeburg, Blue Note Bar
25 Sept    (to be announced)
26 Sept    Bielefeld, C.ult Chambers Unlimited
27 Sept    Köln, Blue Shell


Freitag, 1. Mai 2015

Scheunenfunde: Mount Rushmore Safari




Zuzüglich zur Rubrik „Aufgemerkt“, die sich ja ursprünglich und eigentlich auch noch immer um eher neue Veröffentlichungen kümmert bzw. auch auf erst in Zukunft folgende Alben hinweist und diese mit ersten tonalen Lebenszeichen antriggert und den regulären Beiträgen ohne klassische Kategorieeinordnung folgen nun die „Scheunenfunde“.

Hier kommen Alben, Songs, Videos oder sonstige mediale Auswüchse zu Wort, die schon eine geraume Zeit auf dem Buckel haben und vielleicht auch schon die ein oder andere Woche im Promopostfach rumgedümpelt sind. Den Anfang machen Mount Rushmore Safari, die bereits im Februar ihr zweites Album angekündigt haben. Doch darum geht es jetzt eben nicht. Vielmehr soll der euphorisierende Indie-Rock ihres Debüts „Elba“ Thema sein.

Dieses noch mal über das wahrhaft fabelhafte „John Wayne“ anzupreisen, wäre allerdings müßig, schließlich tummeln sich acht weitere Songs auf „Elba“, die allerdings nicht immer komplett ebenbürtig scheinen. Da ist zum Beispiel „Wanted You To Die“, das süffigen Radiopop mit nervösem Nachhall bietet. Geschmacklich ausgewogen, aber eben ohne die ganz große Überraschung. Schon ausgefallener und deutlich nach den aktuellen The Killers-Werken schielend, präsentiert sich „Nothing's Gonna Stop“, dem aber im Vergleich zu den Amerikanern der glamouröse Überbau fehlt. Deutlich wird auf „Elba“ vor allem, dass sich Mount Rushmore Safari geradezu herzzerreißend in energische Refrains hineinwinden. Andreas Sorgenfrei mimt hier den selbstbewußten Frontmann, seine Stimme ist kraftvoll, neigt aber auch zur klanglichen Schwermut, was vor allem in den gitarrendomierten Stücken wie „Elba“, „House On Fire“ und eben „John Wayne“ deutlich wird.

Hier liegt auch die Stärke des Albums, dessen musikalisches Spektrum limitiert bleibt, trotzdem immer mal wieder andere Genre-Schubladen aufgestossen werden. Es sind die Songs, die von ihrer Mitsing-Intensität leben, die fast immer am Anschlag sind und dadurch vor Kraft und Energie nur so strotzen. Lediglich das etwas beschaulichere „Butterfly“ fällt neben dem viel zitierten „John Wayne“ aus dem Rahmen, ersteres weil es das Tempo zunächst deutlich raus nimmt und eher nach den New Romatics der 80er klingt und schwülwarmen Loungepop bietet. Und „John Wayne“ ist halt eben dieser kleine Ewigkeitshit, der allein durch den Titel und den unwiderstehlichen Chorus nach Höherem greift.

So ist „Elba“ ein erster Scheunenfund, der sich als launiges und konsequentes Album rund um einen Hit präsentiert, der dann das ganze Potential der Band aufzeigt. Der Aufmerker vom Februar kündigt deutlich mehr Sonne an, mal sehen, wie sich eine lichtdurchflutete Kompositionen mit dem funkelnden Popverständnis versteht.

Weil man es gar nicht oft genüg hören kann, gibt es als Ohrenöffner erneut „John Wayne“: