Posts mit dem Label Joanna Newsom werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Joanna Newsom werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Montag, 24. Oktober 2011

My Brightest Diamond


Kunstlied - Kunst - Lied.

Huch! Damit hätte ich ja nun gar nicht gerechnet. Haben PJ Harvey, Tori Amos und Björk in diesem Jahr gute bis sehr gute Alben vorgelegt und auch unbekanntere Größen wie Laura Marling, St. Vincent und Meg Baird des Bänkelsängers' Herz erfreut, schickt sich nun Shara Worden alias My Brightest Diamond an, durchaus noch ein Wörtchen mitzureden. 
"All Things Will Unwind" heißt das dritte Album und zeigt die enorme Bandbreite der Künstlerin, die schon mit Sufjan Stevens musiziert hat und auch dem Konzeptalbum "The Hazards Of Love" der Decemberists als Waldkönigin ihre Stimme geliehen hat.
Genau in dieser Schnittmenge befindet sich auch das neueste Werk, das dunkle Timbre der New Yorkerin schlägt sich durch ein Dickicht von Klängen und Tönen. Die Stücke, angereichert mit perlendendem Instrumentarium sind Kunstlieder, häufig durchkomponiert und komplex in der ersten Anmutung. Mit der in vielen Fällen klassischen Versatzstücken bewegt sich vieles zwischen dem letzten Album von Tori Amos, jedoch ohne deren musikhistorischem Zitateschatz und "Have One One Me" von Joanna Newsom, jedoch noch prunkvoller ausgestaltet. Da erinnert ein "Be Brave" zeitweilen wiederum an die Zusammenarbeit mit Colin Meloy und das erst zaghafte, holzbläserbegleitete "She Does Not Brave The War" schiebt sich langsam zu einer wundersamen Ballade empor, die sich irgendwie als zerrissene Musicalnummer einordnen lässt. Worden beherrscht dabei ihr Hauptinstrument wie die gerne wieder zitierte Königin aus der Decemberists-Oper: furios tänzelt sie über die Gamelan-Klänge in "Ding Dang" und gönnt sich direkt zum Beginn mit "We Added It Up" eine schimmernde Kapriole, die dem Album vom ersten Moment an die richtige Stimmung beschert.
Selbst ein auf den ersten Blick unscheinbares Liedchen wie "High Low Middle" bekommt bei Worden mindestens drei oder vier Schlenker mehr als notwendig und fällt trotzdem nicht aus der Rolle. Trotz der unsagbaren Vielfalt die aus "All Things Will Unwind" eben auch eine Art Mini-Singspiel macht, braucht es, wie beim artverwandten "Hadestown" von Anais Mitchell aber nur wenige weitere Mitsänger, lediglich ein paar Chorfetzen durchwandern die Songs wie im magischen "Reaching Through To The Other Side", auch dem schlingernden "Everything Is In Line" reicht ein Duettpartner zum vollendeten Glück.

Es ist aufregend, der Sängerin in jeder ihrer Episoden zu lauschen und sich vor Vergnügen das ein oder andere Bein abzufreuen, wenn das gesamte Arsenal an passendem Instrumentarium nacheinander oder alles auf einmal auf der Bildfläche erscheint. Und diese Spannung durchzieht sich über die gesamte Albumstrecke, so dass sich Shara Worden eindeutig in den Kreis der Anwärterinnen für das beste Album einer weiblichen Künstlerin 2011 einreihen darf.

Dienstag, 16. November 2010

Emily Jane White



Bittersüßer Nachtschatten.

Emily Jane White hat noch nie das kleine, bezaubernde Folkmädchen gegeben. Schon die ersten beiden Alben "Dark Undercoat" und "Victorian American" waren von solch tiefer Schwärze, dass einem angst und bange werden konnte.
"Ode To Sentience" macht da keine Ausnahme. Zehn Songs in stimmungsvollem Schwarz gehalten, die mal mehr mal weniger zurückhaltend zwischen innerem Monolog und kraftvollem Seelenstriptease hin und her changieren. Im Opener "Oh Katherine" sorgen schmeichelnde Streicher noch für einen Hauch von friedvoller Idylle, beim folgenden "The Cliff" werden schon andere Saiten aufgezogen und das im wahrsten Sinne des Wortes. Der für White eher untypisch kraftvoll, von rythmisierenden Gitarren gestaltete Song birgt textlich Abgründe, wird hier doch weniger der landschaftliche Aspekt, sondern eher der gezielte Sprung nach unten erwogen.
Ähnlich wie bereits früher im Jahr Nina Nastasia auf ihrem wunderbaren Album "Outlaster" gelingt White ein Spagat zwischen Düsterromantik und verklärtem Realismus, der jedoch weniger kratzbürstig daherkommt.
"Black Silk" mit seiner nervösen Gitarrenbegleitung und dem fast stoischen, unbeeindruckten Gesang breitet sich wie ein Teppich aus, sanft schimmernd, in weichen Wellen geschlagen. Noch behutsamer, wenn auch wieder wehmütiger pendelt "The Dark Oak" im 6/8-Takt daher, Walzer und seien sie noch so verstörend und unnahbar, scheinen ein großes Thema für die diesjährige Folkmode zu sein. "I Lay To Rest" fängt dann kurzweilig, fast wie Joanna Newsoms "Good Intention Paving Co." an, wiederum schwingen pendelnde Töne, streiten mit einschneidenden Streichern um die Vorherrschaft, bis dann dann das Klavier das Szepter ergreift und allem eine surreale Atmosphäre einhaucht.
Man mag Emily Jane White sicherlich ein gewisses Mal an Kalkül, vielleicht sogar Berechnung unterstellen, schließlich wandert "Ode To Sentience" nahezu über die gesamte Länge eher durch als über das Nebelmeer, ein wenig mehr einfallende Sonnenstrahlen, wie im Schlußteil zu "Clipped Wings", dürften es dann schon sein.
Während "The Preacher" und "The Law" fast schon eine Spur konventionell erscheinen, lässt es White in "Requiem Waltz" und "Broken Words" noch mal richtig krachen, zumindest immer im Rahmen ihrer Möglichkeiten. Der namensgebenden Totenmesse gleich, oszilliert der Walzer zwischen Trost und Traurigkeit, bändelt mit osteuropäischer Folklore an, entschwebt aber dann doch in die Sphären des Überirdischen, nicht zuletzt weil White ihrer Stimme ansprechendes Feuer verleiht.
"Broken Words" wiederum erweist der Steel Guitar Referenz, lässt die aufgekommene Traurigkeit zumindest ein Stück hinter sich und fühlt sich dann doch eher verwurzelt als losgelöst an.

Dicht, dämmrig, durchdrungen, aber ein paar helle Strahlen kommen durch.