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Montag, 5. Januar 2015

Aufgemerkt: Leonie singt




Noch habe ich Urlaub, noch kann ich mich dem wohlfeilen Sichten neuer Musik widmen und dem Gehörten auch ein paar ansprechende Zeilen gönnen


Bereits vor ein paar Wochen kam von Gutfeeling Records eine nette Promoanfrage zu Leonie singt alias Leonie Felle, doch im Advents- und Weihnachtstrubel ging das Album leidlich unter. Mit ein bisschen Verspätung war jetzt kürzlich der erste Hördurchgang fällig und schon wurde Gefallen gefunden an den zwölf Stücken ihres selbst betitelten Debütalbums das am 9.1.2015 erscheint.


Da werden schlaftrunkene Wiegenlieder im Walzertakt zur Akkordeonbegleitung angestimmt und Leonie singt in energisch süßlicher Weise von Wünschen und Fantasien. Gerne klingt sie dabei mal nach Chapeau Claque jedoch ohne deren Niedlichkeitsfaktor oder zumindest nach Susie Asado ohne deren Hang zum kapriziösen Kabarett. Spannend ist "Leonie singt" vor allem durch seine Vielfältigkeit. Doch nicht nur stilistisch bewegt sich Felle zwischen Pop, Folk und Chanson und wechselt hier im lauf des Albums munter durch Genres und Instrumentarium, auch die Zweisprachigkeit lässt viel Bewegung und Wandelbarkeit zu. So ist zum Beispiel "Schön..." ein erzählerisches Pop-Perlchen, dass sich munter in den Vordergrund spielt, doch dann taucht bei "In The Graveyard" eine singende Säge auf und vertreibt die hoffnungsfrohe Stimmung zu Gunsten eines melancholisch gespenstischen Auftritts der Sängerin. War deren Stimme vorher kalt, hell und freundlich, flüstert sie sich nun klammheimlich in das Stück hinein und sorgt für wohlige Schauer. Doch nicht nur die singende Säge bietet dem Wohlklang die Stirn, auch die leidlich bratzige Gitarre bei "Es ist noch nicht aller Tage Abend" oder beim shantyhaften "Roundaboutway" sorgt für das ein oder andere gewollte Störfeuer. 


Jetzt ist Leonie singt aber keine Einzelkünstlerin im  klassischen Sinne, sondern versteht sich auch klanglich durchaus als Band. Sascha Schwegeler spielt Schlagzeug, Hagen Keller Akkordeon und Gitarre, Jakob Egenrieder Bass und Leonie Felle singt (und spielt ebenfalls Gitarre). Gemeinsam mit Produzent Andreas Staebler entsteht ein Album, dem zwar durchaus ein  gewisser DIY-Charme anhaften geblieben zu sein scheint, dennoch klingt "Leonie singt" wie aus einem Guss. Die beiden letzten Stücke nehmen dann vielleicht auch ein wenig den womöglich besten Verwendungszweck des Albums vorweg, besingt Felle doch kurzerhand den "Scent Of Summer" und lässt auf "Lake" eben solchen zum Albumausklang dahinplätschern. Ein Album eben für die Mußestunden in der Sonne, dass aber auch an einem sonnigen Januartag durchaus Freude bereiten kann. 





Montag, 18. Juni 2012

Aufgemerkt : Schoenholz



Kein Schiffbruch.

Die Gedanken treiben den Hörer weit hinaus. Schoenholz - Ceylon. Das klingt nach altem Teeclipper, riecht nach warmen Hölzern und hat diesen leicht sepiafarbenen Schimmer, der aus allem eine träumerische Erinnerung macht. Doch schillert die Berliner Band um die Sängerin Daniela Schönwald eher in Nuancen die sich in Pfützen spiegeln, in blassem Blau oder kaltem Schwarz, lässt bittersüße Melancholie walten und klingt weise und vehement zugleich.

Musikalisch bewegt sich das Debüt der vier Musiker, das über Timezone Records am 06.07.2012 in die hiesigen Plattenhäfen einläuft, auf einem hin und her schlingernden Drahtseil, das Spannung und langsames Loslassen gleichermaßen verlangt. Fast immer dunkel, an der Grenze zwischen Wahrhaftigkeit und Halbschatten, gerne dem Mond zugewandt. "Gespenster" die sich wie filigrane Gespinste um Ecken und Kanten winden und einen silbrigen Glanz verleihen, durchdringen die neun Stücke, die sich zuweilen fiebrig, dann aber doch wieder kalt und keusch anschleichen. Die Stimme Schönwalds windet sich in langgezogenen Klangmäandern um sich selbst und wird erst beim folgenden "3011" beherzt freigelassen. 

Metaphern, Bilder, Symbole. Schoenholz malen mit dem dicksten Pinsel und kramen in den Stichwortkisten das Unterste zuoberst. "Am Fuße des Berges verbrennt das Tal" singen sie und lassen Menschen ins Licht schauen, das Gesicht des Teufels tanzen und bestärken dieses zu Gitarren- und Schlagzeugwirbeln durch bitterschwerste Lyrik: "Luft und Stein, Fleisch und Geist, der achte Tag ist dunkelweiß".

Vergänglichkeit, Berührung und doch Wagemut. Der wundervolle Titeltrack spiegelt die unglaubliche Emotionalität der vordergründigen Tristesse wieder. Allein wie Schönwald den Begriff "Staub" mit schneidender Stimme in den Nachthimmel katapultiert, lässt Gänsehaut am ganzen Körper aufkommen. Mal frühe, chansoneske Anna R., zuweilen auch Ebba Durstewitz von JaKönigJa, ein wenig Hildegard Knef, dazu ein Quäntchen Josepha Conrad von Susie Asado. Mal betont bestimmter Beinahe-Sprechgesang wie im vertrackt-verjazzten "Vogelfrei", mal fast schon von begnadeter Güte wie bei "Weine Nicht", welches sich zwischendurch verdächtig nah an deutschen Befindlichkeitspop annähert. 

Dazu ein nicht immer ganz maßgeschneiderte Tagelage aus Klang und Schall, gerne ein knarziger, einsamer Bass, der gemeinsam mit Tasten und fokussiertem Schlagwerk das experimentreiche "Vogelfrei" einfängt und in einen nach vorne galoppierenden Klippenspringer verwandelt. Zumeist aber schlagen Schoenholz Töne aus einem leidlich farbärmeren Tuschkasten an, "Blasses Blau" darf dazu am eleganten Dinnerjazz schnuppern, im hübschen Kontrast zum durchaus drastistischen Fabuliergrad der Sängerin, "Kaltschwarz" wiederum erinnert an morbiden Pop, an die 80er Jahre, an klirrende Stimmung und ja, doch auch an die Erzählfreude deutscher Meistertexter wie Rio Reiser.

Es ist trotz aller Tragik und Drastik, die Schoenholz verbreiten, kein Schiffbruch, es ist vielmehr ein hoffnungsvoller Stapellauf auf ein Gewässer zu, dessen Untiefen gar nicht risikoreich genug sein können.

Hören? Gerne.

Donnerstag, 17. November 2011

Susie Asado



Ooooooooooooooooooooh.

Berlin, Berlin, immer wieder Berlin. Und New York. Und Gertrude Stein. Und ganz viele Ohs. Und ein wenig "Novemberleuchten". Und selbstverständlich eines: das Leben.
Susie Asado ist in erster Linie Josepha Asado, Berlinerlin, Singer/Songwriterin, Sprechsängerin, Chansoniere und famose Texterin. Dazu kommt eine Band, die aus filigransten Mittel eine sagenhaft vielschichtige Musik dazu macht, und im weitesten Sinne aus Tomi Simatupang an der E-Gitarre, Marko Hefele an der Violine und Jason Lewis an den Percussions besteht. Und die Vier veröffentlichen dieser Tage, genauer am 9.12.11 über KOOK ihr zweites Album "Traffic Island", dass der Bänkelsänger schon Probehören und -lieben durfte. 

Zwölf Mal holen Susie Asado ihre Zuhörer in ihre kleine Welt, die sich mit Sprachfetzen in Deutsch und Englisch füllt, halsbrecherische Violinenwinkelzüge hinter jeder Ecke hervorbringt und immer wieder von einer einfachen Ukulele zusammengehalten wird. Conrad durchlebt auf "Traffic Island" Situationsmomente, die sich mal an den Couplets und Chansons der goldenen Zwanzigerjahre orientieren. "Flugangst" fegt in diesem Zusammenhang viele Einflüsse zusammen und klingt gleichsam nach Dreigroschenoper, Claire Waldoff und 17 Hippies. Das Violinmotiv strotzt vor Virtuosität und die Liebe zum Vokal "o" wird zum ersten Mal so richtig deutlich. In "Autobiography Of A Skyscraper" geht es eben um die Autobiographie eines Wolkenkratzers und genau so schräg wie das im Wortsinn klingt, kreuzen Melodie, Text und Sinn immer wieder hart vor oder hinter dem Wind. Die Texte, ja die Texte lassen Deutungsmöglichkeiten en masse zu. Ist "Lady With Dog" nur eine sympathische Alltagsbeobachtung oder verbergen sich hinter den stachelspitzen Worten auch autobiographische Erinnerungsmomente? So wie Conrad Sprachen und Einflüsse mischt, lässt sich hier sicherlich das eine nicht vom anderen trennen, sicher ist nur, dass der verwobene, bildhafte Stil durchaus auch an den Werken der bandnamensgebenden Lyrikerin Getrude Stein orientiert. Doch nicht nur Text und Imagination bekommen hier im wahrsten Sinne des Wortes Flügel, auch die stilistische Vielfalt in musikalischer Hinsicht ist aussergewöhnlich. "Kleine" Folksongs wie "That Button" wechseln mit den Tangotakten von "The Collector", bei "Koffer Auf Koffer Zu" fühlt man sich dann auf einmal an die Berliner Schnauze einer Blandine Ebinger erinnert, deren Hollaender-Interpretationen nicht von weit entfernt winken. 
"Traffic Island" hat aufgrund dieser wahnsinnig vielen Facetten zuweilen Mixtape-Charakter oder Unterwegs-Charme, den sie sich selbst auch andichten, könnte das Album sonst einen anderen Titel tragen. Bei Tea und Keksen lässt es sich wohl am Besten genießen, voller Verzückung ob der mannigfaltigen Sprachspiele und Wendungen, ganz getreu den onomatopoetischen "O"-Variationen wie im fabelhaften "Plane Crash": ...too old told sold fold bold gold mold scold hold cold old. Oder eben: Vor Mosokonton mot gonz voolon tollon Odoon. 

Auf Tour sind die Vier auch und wer sich auf eine Reise, ein Abenteuer und wahrscheinlich eine Hommage an die goldene Zeit der spitzfindigen und klugen Kabinettstückchen, kapriziös, klug und von feiner Ironie durchzogen, einlassen mag, dem sei der ein oder andere vergnügliche Abend in folgenden Städten ans Herz gelegt:

08.12. BERLIN - Schokoladen
09.12. TRIEPKENDORF/Feldberger Seenlandschaft - Gasthof Tenzo
10.12. HAMBURG - Hasenschaukel
11.12. HANNOVER - Oberdeck (17 Uhr pünktlich!)
12.12. GÖTTINGEN - Apex
13.12. ERFURT - Woodstock
14.12. DARMSTADT - Hoffart-Theater (+ Mine)
15.12. TÜBINGEN - Wilhelma
16.12. CH-BERN - Café Kairo
17.12. CH-TROGEN - Le Viertel
18.12. CH-LAUSANNE - Brasserie du Château
19.12. CH-MOUTIER - Le Pantographe
20.12. CH-ZÜRICH - Café Henrici
21.12. NÜRNBERG - Galerie Bernsteinzimmer
22.12. BERLIN - Hauskonzert

Hörvergnügen, wie es dem Bänkelsänger und hoffentlich vielen anderen auch gefällt gibt's hier:  

LITTLE PLASTIC FIGURE

und hier: