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Freitag, 14. Oktober 2016

Neil Cousin – The Dreams Of Animals



Dichte Songwriteralben, die ihre Kraft aus der gehaltvollen Komposition von Stimme und Beiwerk beziehen, sind etwas ganz Besonderes. Als Neil Cousin 2011 sein Album „Bonfire“ veröffentlichte und sich darauf solch kostbare Pretiosen wie das zauberhafte „The Headless Hawk“ versammelten, konnte man dessen Dichte beinahe körperlich spüren. Mit „The Dreams Of Animals“ spinnt er den Faden noch weiter und hat neben dem bereits hier vorgestellten „Leg Bone Flute“ zehn weitere Stücke im Handgepäck.

Neil Cousin erinnert in seinen Arrangements ein wenig an die melancholischen Momente eines Adrian Crowleys oder Matt Bauers, beginnt doch bereits das eröffnende „My Unknown Companion“ mit seelenvollen Melodiebögen und charismatischem Chorus auf. Das Tempo ist gedrosselt, schleppt aber nicht uns so zieht sich ein erster Spannungsbogen zum wahrlich fabelhaften „Leg Bone Flute“, das auch im Albumkontext nichts von seiner Strahlkraft verloren hat. Mit „Happy Ending Vampire Story“ erhöht Cousin die Geschwindigkeit und sinniert über ein morbide-sinnliches Beziehungsgeflecht. Das fabelhafte „Lock Keeper's Daughter“ vagabundiert wiederum wieder eher im Zwielicht und erinnert zum einen wohl am deutlichsten an den mit opaleszentem Schimmer überzogenen Vorgänger. Die Streicherarrangements fließen wie ein innerer Gefühlsstrom zusammen und das Piano unterstützt sanft getupft die nachdenklichen Worte des britischen Songwriters.

„The Dreams Of Animals“ durchzieht ein feiner Hauch von filigranem Humor, den Cousin immer wieder zu brechen versteht. In „4:38AM Stand-Off“ werden Sprach- und Gedankenspiele zum sprudelnden Gemisch zwischen Absurdität und Realität, „Cartoon Telephone“ bleibt auch nicht vor schwarzhumorigen Bildern verschont und doch versteht es der Sänger den feinen Grat hier nicht zu übertreten und in oberflächlichem Sarkasmus zu münden.

Trotz allem stehen Neil Cousin seine durch und durch Gänsehaut erzeugenden Stücke deutlich besser, wie es zum Ende hin vor allem noch einmal „St. Cecilia's Day“ und „Moat Hill“ vorführen. Hier schwingt sich der Künstler zu einem Zeremonienmeister empor, der mit Stimme und Saiten und einer kleinen aber feinen Schar von Mitmusikern eine einzigartige Wohligkeit verbreitet. „The Dreams Of Animals“, das bereits am 16.09.2016 via Oilbug Music erschienen ist, lässt den Herbst in seinen schönsten Farben leuchten, den wärmenden Tee noch besser schmecken und das kuschelige Gefühl unter der warmen Decke noch besser genießen.

Das Video zum Titelsong folgt als Ohrenöffner:

Montag, 14. Mai 2012

Im Schnelldurchlauf: Lasse Matthiessen, Grimoon & M.i.p.V



Dreimal Neuvorstellung, dreimal Solaris Empire.

Manchmal reichen schon 20 Sekunden, um sich einem Lied mehr entziehen zu können. Lasse Matthiessens "Celluloid" ist zum Beispiel so eins und so kommt es, dass sich der Bänkelsänger mal wieder mit drei eher vielversprechenden Künstlern des sympathischen Berliner Labels beschäftigen durfte.

Fangen wir mit dem munter zwischen Berlin und Kopenhagen hin und her pendelnden Lasse Matthiessen an, dessen aktuelles Album "Dead Man Waltz" am 27.04.2012 veröffentlicht wurde. Matthiessen macht Bänkelsänger-Musik par excellence, sein mal schwermütiger, mal leichtfüßiger Mix aus erzählerischen Folksongs und einnehmenden Americana-Stücken changiert hierbei immer wieder hin und her. Das eröffenende "Celluloid" zum Beispiel nimmt mit kraftvollen Streichern die sanfte Stimme des Songwriters gefangen und lässt so einen Spannungsbogen entstehen, der auf hohem Niveau durchaus noch Ausreisser nach oben bietet. Das zerbrechliche "Black Queen" zum Beispiel oder das fabelhafte Gespann aus dem Titeltrack und dem vorangehenden "In The Dead Of The Night". Letztes ist als erste Single geradezu charakteristisch für die Stimmung des gesamten Albums, mit bittersüßer Dramatik und ausdrucksstarkem Refrain. Aber auch nach hinten hinaus verliert "Dead Man Waltz" nicht an einnehmender Verführung. Das beinahe karg vor sich hin fließende "Chasing Wolves" erinnert hier an Matt Bauer, mit den beiden letzten Songs wird eine beinahe schon countryeske Eingängigkeit geschaffen, die Matthiessen ruhig, besonnen, doch immer pointiert zum Ausdruck bringt. Ein feines, melancholischönes Stück Musik, dass trotzdem aufrüttelt und Lust auf mehr macht.


Neben Lasse Matthiessen findet sich mit Grimoon ein weiterer Act eher folkloristischer Natur im aktuellen Schnelldurchlauf wieder. Weitaus dunkler, wenn gleich nicht farbloser gleitet die herzzereißende Stimme der Französin Solenn Le Marchand durch die acht Stücke von "Le Déserteur", dem bereits Mitte April veröffentlichen Albums des musikalisch als auch visuell sehr regen musikalischen Projekts. Fast ausschließlich wurde bis dato auf Französisch oder Spansich gesungen, nun findet sich auch ein englisches Lied "Directions" auf dem Album, dass sich klangliche Vorbilder irgendwo zwischen Black Heart Procession, Paul Roland und Arcade Fire gesucht zu haben scheint und da der Sänger Pall Jenkins eben von "The Black Heart Procession" für die Produktion verantwortlich war, klingt "Le Déserteur" eben durchaus nach sehnsüchtelnder Dunkelheit, zerbrechlichen Nebelschwaden und kunstvollem Gespinst. Höhepunkt des Album ist der letzte Song "Tango De Guerre", eine in dunkelrotem Schimmer liegende Geschichte gegen das Vergessen, das in seiner chansonesken Gewalt auch ein Nachdenksong, von z.B. 17 Hippies hätte sein können. Prädikat: wertvoll.


Etwas ratlos hingegen lässt mich das am 08.06.2012 erscheinede Album "M.i.p.V II" von Músicas intermináveis para Viagem (M.i.p.V) zurück. Die Band, um die brasilianische Sängerin Laura L. macht Musik, die einem aufmerksamen Hörer sicherlich eine Vielzahl an spannenden Momenten bereithält, leider fehlen hier dem Bänkelsänger die klaren Aufmerksequenzen. Die Titel versprechen eigentlich eine spannende Reise, heißen die Stücke doch zum Beispiel "Der Gesang des freien Raben" oder "Berliner Passage", allein die ambienten, postrockenden Strukturen, die sich irgendwo zwischen abgeschliffener Portishead-Brillianz und instrumentalem Sommermorgenblues ansiedeln lassen, lassen den Funken zu häufig nur leise weiterglimmen. Es gibt mit Sicherheit ein audiophiles Publikum, das dann auch den einzigen Gesangspart auf "M.i.p.V II" bei "Medo da Morte" goutieren wird, leider bleibt im Ohr des Bänkelsängers' zumindest nicht ganz so viel wie sonst zurück. Einen Ohrenöffner gibt's trotzdem:

  

Montag, 27. Juni 2011

Matt Bauer



Quellwasserfrische Kostbarkeiten.

Bei den ersten Klängen von "Useless Is Your Armor" will einem schier das Herz zerspringen. Banjo, Streicher, und ein wenig Hintergrundtingeltangel rahmen die seltsam flüchtige Stimme Matt Bauers ein, der mit seinem dritten Albuzm "The Jessamyne County Book Of The Living" sicherlich das beste seiner bisherigen Laufbahn vorgelegt hat. 
Sicher, mit wenig Haupt- dafür umso mehr Barthaar mag er ob seiner zarten Stimme schon ein wenig belächelt werden. Wenn man sich aber die grandiosen Kompositionen des Amerikaners zu Gemüte führt, ist eine weitere Beschäftigung mit dem Musiker quasi unumgänglich. Dabei ist es auch völlig egal, ob man sich im an ruhige Vic Chesnutt-Momente erinnert fühlt, indem man beim getragenen "White Lakes" leise vor sich hinweint und der fragilen Duett-Partnerin Mariee Sioux lauscht oder dem exotischen "When I Was A Mockingbird" Gehör schenkt, wenn es Gamelan-Klänge in den Abendhimmel sendet. Es sind vor allem die weiblichen Gäste, die dem Album noch einen Hauch mehr Finesse beschweren, denn auch Jolie Holland übernimmt zum Beispiel beim kargen "Blacklight Horses" mehr als nur eine Nebenrolle.
Nun ist es aber nicht so, dass "The Jessamyne County Book Of The Living" nur von den abwechslungsreichen Vokalvarianten lebt, Bauer selbst lässt die unterschiedlichsten Instrumente in Vorder- und Hintergrund erklingen, vom Picasso Quartet ganz zu schweigen, welches den größtenteils fließenden Songs ein ruhiges Bett bietet. Das fließende, flüssige Klangbild erinnert zuweilen an das ähnlich klingende, aber wesentlich karger instrumentierte letzte Album J. Tillmans von den Fleet Foxes, "Singing Ax", Bauer mischt aber neben purer Kontemplation eben durch die vielen Mitmusiker einige schillerndere Facetten in die jeweiligen Stücke. Spätestens wenn wie beim letzten Titel "Flowering Deer" auch noch Alina Hardin und Angel Deradoorian zur Streicherbegleitung dazustossen, und mit Bauer und seinen restlichen Gästen einen fesselnden Schlusschoral anstimmen, wird dem Hörer endgültig vor Augen geführt, was für ein fulminantes, frisches und dennoch ungemein friedvolles Album Matt Bauer mit seinen zahlreichen Mitstreitern gelungen ist.

Der Hör- und Sehbeweis: