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Mittwoch, 21. März 2012

Aufgemerkt: I Used To Be A Sparrow & Songs For The Sleepwalkers




Frühlingsfrische im Doppelpack.

Manchmal bin ich echt beeindruckt: Da denkt sich der geneigte Konsument frischgepresster Folkpop- und Countryblues-Platten nichts Böses und schon flattert mal wieder eine Anfrage ins Haus, die auf's erste Ohr zwar passen, aber nicht unbedingt den ursprünglichen Bänkelsänger-Kontext streift. Nach mehrmaligem Hören ertappt er sich aber dann doch beim Mitwippen, Schwelgen und Mitsingen. Vorhang auf für I Used To Be A Sparrow und Songs For The Sleepwalkers.

Leicht und doch mit dem gewissen schwermütigen Nimbus beginnt "Luke", das erste Album von I Used To Be Sparrow, die namentlich aus Dick Petterson und Andrea Caccese bestehen. Beide im Vorfeld schon mit einer musikalischer Vorerfahrung, jedoch erst seit kurzem vereint, was dann schlußendlich aufgrund der Ausgefeiltheit der Songs auf  "Luke" schon ein wenig verwundert. Das Anfangsduo aus "Cambodia" und "Life Is Good" steht hierbei synonym für das ganze Album, das sich aus fein arrangierten Popsongs zusammensetzt, die mal intim, meist aber kunstvoll ziseliert in die Gehörgänge schrauben. 
Texte die sich poetisch mit dem eigenen Wohl und Wehe befassen, gerne harmonisiert im Gleichklang aus Kopf- und Bruststimme wie im hervorragenden "Let Go", dass sich in vier Minuten immer wieder ein Stück an die euphorischeren I Am Kloot-Stücke annähert. Überhaupt scheint ein eher überschwänglicher Duktus die beiden Musiker mit Wurzeln in Schweden (Petterson) und Italien (Caccesse) zu durchwehen, gebremster Hurra-Effekt mit Hall und Widerhall, ankernd zwischen Folk und Pop, der sich nicht hundertprozentig der einen oder anderen Schublade zuordnen will. Mit dem ruhig dahinfliessenden "Lovers On The Moon" begeben sich die beiden auf die Spuren der gerade so angesagten Singer/Songwriter-Mode, die naturverbunden und heimelig, jedoch auch mit der ein oder anderen elektronischen oder artifiziellen Spitze aufwarten kann. 
So geht man mit "I Used To Be A Sparrow" auf eine anregende Reise, die sich auch namentlich in vielen Titeln widerspiegelt ("Hawaii", "Copenhagen"), auf der man aber auch gar zu gerne die ein oder andere Pause einlegt, um sich einfach von den unwiderstehlichen Melodien verzaubern zu lassen. Auf Dauer mag das dem ein oder anderen vielleicht ein klein wenig zu perfekt und ausgeglichen erscheinen, bei frühlingsfrischen Temperaturen und dem Spaziergang an der abendlichen Stadtsilhouette vorbei, ist "Luke" der geradezu ideale Begleiter.

 


Vor (und auch während) er mit I Used To Be A Sparrow unterwegs war, lässt sich Andrea Caccese aber auch nicht lumpen und fabriziert als Songs For The Sleepwalkers artverwandtes, jedoch deutlich zurückgenommeres Liedgut. Sein aus dem letzten Jahr stammendes Album "Our Rehearsed Spontaneous Reactions" zeigt mit seinen acht, bisweilen skizzenhaft daherkommenden Songwriterminiaturen weitere Facetten seines Könnens und tummelt sich irgendwo an der Grenze zwischen sehnsüchtelnder Elegie und experimentierfreudigem Indiefolk. Meistens sehr offen gehalten, wie im von klassischen Elementen durchzogenen "Down The Line", das mit seinen sanft aufgetürmten Streichern weniger tränenreich daherkommt, als man es auf das erste Ohr vermuten könnte. Generell scheint Caccese alais Songs For The Sleepwalkers allein einen deutlich geringeren Hang zur Klangfülle zu haben, die Songs wie das seinem neuen Projekt am nächsten kommende "We Are Still Here" decken eine weit weniger dicke Schicht an Klangfarben hab, die einzelnen Tupfer kitzeln vielmehr die Facetten nur in kleinen Dosen heraus. Die akustische Gitarre spielt die Hauptrolle, bekommt hier und da ein wenig Elektronik spendiert, vergißt aber darüber hinaus nicht, dass Caccesse der Hauptakteur ist, der lieber in Ruhe erzählt und das auch bis auf im ein wenig tiphoppig erscheinenden "Awake" auch konsequent durchzieht. Höhepunkt ist hierbei sicherlich "Set The World On Fire" mit einer Streicherbegleitung, die auch einem Bon Iver oder dem Bänkelsängerliebling Matt The Electrian Schauer über den Rücken laufen liesse. 
Meine Güte, was freue ich mich schon darauf, auch mit Songs For The Sleepwalkers in den Abend zu laufen, vielleicht am besten mit dem letzten Song "What If I Do", der allein schon in seiner schlichten Schönheit Gänsehautmomente auslösen kann.

 

Noch mehr Infos gibt's hier und hier und dazu das Versprechen, dass im Juni auch in Deutschland getourt wird 

Freitag, 4. Februar 2011

James Blake



Vom Aufspringen auf fahrende Züge:

Verfremdung und Bearbeitung, Konsens und Kontroverse. Stichworte, die treffend beschreiben, was sich im Kopf des Konsumenten beim ersten Hördurchgang des selbstbetitelten Debutalbum James Blakes abspielen könnte. 
Mit schier unendlicher Seelenqual wandert der junge Engländer durch sonderbare Soundkonstrukte, die vor allem eins gemeinsam haben: sie erzeugen eine beängstigende Spannung. Blake, der schon im Vorfeld mit einigen herausragenden EPs auf sich aufmerksam gemacht hat, treibt seine vor allem instrumentalen Gedankensprünge auf die Spitze, in dem er sie fast vollends seiner Stimme unterordnet. 
Mit Klangfarben, die sich zuweilen Justin Vernon oder auch Antony Hegarty annähern. Vielmehr aber noch dann, wenn sie verfremdet oder fern von jeder Vergleichsmöglichkeit fast schwerelos durch den Raum getrieben werden. Musik, die sich zu keiner Zeit in einen Rahmen pressen lässt, mal wird Gospelnähe suggeriert, mal behindern sich die diversen Bruchstücke selbst in derEntwicklung und es kommt zum Zusammenprall von dubsteppigen Fragmenten und elektronischen Soulklängen. 
Es mag einem Aufschrei, ja sogar einer kleinen Rebellion gleich kommen, wie sehr sich das Album weigert, sich Schubladen zu eigen zu machen, in dem er den einzelnen Tracks zwar eine Linie und eine Richtung vorgibt, diese sich aber im Nebel verliert und auch nicht mit Sprüngen zwischen nahezu konventioneller Komposition und ereignisreichem Freispiel geizt. "Limit To Your Love" und "The Wilhelm Scream" fungieren hier als Gratwanderer: soviel Melodie wie möglich, jedoch zu welchem Preis? Der Gewinn ist jedenfalls atemberaubend. Eine zweiteilige Miniatur mit spirituellem, kontemplativen Bezug (Lindisfarne I + II), ein in seinen Grundfesten erschütterter Gospel namens "Measurements" oder pyramidenhafter A-Capella-Aufbau bei "I Never Learnt To Share", Blake verbindet das Unverbindbare und stellt doch alles in einen hörenswerten Albumkontext.

Ein Zug, den man besser erst gar nicht verpassen sollte.

Samstag, 8. Januar 2011

James Vincent McMorrow

Irish Folk mal anders - mit ganz viel Soul in der Stimme.

Näher an Bon Iver war lange keiner mehr. Bon Iver? Ja richtig, Justin Vernon aus Kanada hatte vor zwei bzw. drei Jahren sein Debut "For Emma, Forever Ago" zu Gehör gebracht, noch die ein oder andere EP bzw. Kompilationsmitarbeit vorzuweisen, aber ein weiteres Solo-Album ist weiterhin noch nicht in Sicht.

Gut, dass es also James Vincent McMorrow gibt. Er sieht nicht nur ähnlich aus, nein, seine Stimmfarbe, die schunkelnde Gitarrenbegleitung und die seelenvollen, warmen Harmonien wirken fast wie eine Blaupause. Er ist allerdings Ire, hat jedoch mit den stampftanzenden Folkvarianten, die man zwangsläufig mit Irland in Verbindung bringt, herzlich wenig am Hut.

Sein Debut "Early In The Morning" ist in seiner Heimat Dublin bereit seit dem letzten Frühjahr in aller Munde, nun soll der Rest der Welt verzaubert werden. Nimmt man nur den Opener "IF I Had A Boat" als Beispiel, schmilzt man schneller dahin, als der in den letzten Tagen zumindest hier im hiesigen Münster rasend schnell gewichene Schnee vor der Sonne. Aber nicht nur die barmenden, melancholischen Töne erreichen bei McMorrow den Hörer direkt, auch das kräftig von amerikanischem Alt.-Country beeinflusste "Breaking Hearts" weiß mit gefälliger Spielweise zu überzeugen. Während "The Old Dark Machine" abgesehen von der herausragenden Stimme und den euphorischen Backgroundvocals angenehm bodenständig wirken, zittert sich McMorrow wie eine Schleichkatze durch "Follow You Down To The Red Oak Tree", behutsam und sacht lässt er sich von Gitarre und verhaltenem Schlagwerk den Weg entlang führen.Das Wechselspiel zwischen laut und leise, zwischen Gefühl und Ausbruch auch innerhalb der einzelnen Songs machen "Early In The Morning" zu einem geschlossenen Werk, das sich keine wirklichen Ausrutscher leistet. Selbst wenn manchmal arg viel Gefühlsduseligkeit in die Lieder hineininterpretiert werden kann, bleiben Grundstimmung und Ausrichtung doch eher hoffnungsfroh den zutodebetrübt.

Weil es das Highlight des Albums und vor allem weil es einfach ein wundertolles Lied ist, gibt's als Zugabe "If I Had A Boat" als Lektürebegleiter:

Freitag, 12. März 2010

Anaïs Mitchell




2010 wird ein Opernjahr! Nicht nur das die famosen Elektronikfrickler von The Knife das hiesige Münster beehren werden, um ihre Darwin-Oper, die erst kürzlich physisch veröffentlicht wurde, aufzuführen, auch das geneigte Folk-Publikum wird dank der entzückenden amerikanischen Sängerin mit einer echten "Folk-Opera" erfreut. "Hadestown" heißt das Werk, welches live wohl schon seit einigen Jahren aufgeführt wird, zum zu Hause genießen gibt's jetzt Gelegenheit. Und wen sie nicht alles mit an Bord genommen hat: zum einen tritt Justin Vernon als Orpheus mit an, der vielen als Kopf von Bon Iver ein Begriff sein sollte und seine zerbrechlich-verwunschene Stimme mischt sich vorzüglich mit dem an Joanna Newsom erinnernden Organ Anaïs Mitchells, die die Eurydike verkörpert. Weiterhin lässt es sich Ani DiFranco nicht nehmen, die Persephone zu geben, der dunkeltimbrierte Greg Brown gibt den Hades und Ben Knox Miller von The Low Anthem leiht Hermes seine Stimme. Komplettiert wird das Ganze von den Haden Triplets als gar gruseliges "The Fates"-Backgroundgemurmel und Michael Chorney, der hier die Fäden des Projekts in Händen hält. Kostprobe gefällig?



Mittwoch, 18. November 2009

The Antlers

auf welchem Blog und in welchem (Online-)Magazin liest man eigentlich dieser Tage nicht von The Antlers, die mit ihrem aktuellen Opus Magnum schon vereinzelt im Frühjahr, spätestens aber seit der Deutschland-VÖ von "Hospice" in aller Munde sind und das allerdings völlig zu recht. Wunderschöne, fast immer zerbrechliche Arrangements, seelenstreichelnde Texte und eine Stimme, die sich in der Lo-Fi-angenäherten Produktion aus einem Gewebe aus Tönen herausschält sind die Eckpunkte, teilweise ein bisschen Bon Iver, teilweise ein bisschen DM Stith, aber (fast) immer sehr sehr gut!